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Integrative Schulung an der gegliederten Oberstufe der Sekundarschule in E.


Über die integrative Schulung von zwei Kindern mit einer geistigen Behinderung in der Unterstufe der Primarschule von E. ist in dieser Zeitschrift berichtet worden.
Nun sind einige Jahre vergangen und ein Besuch in E. zeigt auf beeindruckende Weise, dass es sinnvoll und möglich ist, auch im komplexen System einer gegliederten Sekundarschule ein Kind mit einer geistigen Behinderung weiter zu integrieren.
Gefragt sind flexible, offene und phantasievolle Lehrkräfte, die sich ganz an den Bedürfnissen ihrer Schülerin orientieren und ihr so die Teilnahme am Schulalltag ermöglichen.

Einleitung

Andrea ist eine Schülerin der heilpädagogischen Schule des Bezirks Bülach. Die heilpädagogische Schule Bezirk Bülach ist ein Zweckverband des Zürcher Unterlandes und zuständig für alle Kinder, die auf Grund ihrer geistigen Behinderung Anspruch auf sonderpädagogische Förderung haben. Die Sonderschule bietet seit einigen Jahren entsprechend den Rahmenbedingungen der Bildungsdirektion und der IV integrative Schulung als mögliche Alternative zur internen Schulung an.

Auch Andrea wird als Sonderschülerin der heilpädagogischen Schule Winkel seit 7 Jahren extern in E. von einer Heilpädagogin begleitet, welche durch die Sonderschule angestellt ist. Das Integrationsmodell gewährleistet eine fachliche Begleitung und Förderung im Rahmen der IV-Regelung und garantiert Andrea einen Platz an einer heilpädagogischen Schule, wenn die integrative Schulung nicht mehr der Weg sein sollte, der für Andrea und ihre Umgebung der Richtig ist.

Es ist normal, verschieden zu sein...

Ich besuche Andrea und ihre Klasse während zwei Tagen in ihrem neuen Oberstufenschulalltag. Andrea begrüsst uns, freut sich über den Besuch, ist stolz und erklärt uns- als Gastgeberin- den Weg zum Oberstufenschulhaus. Andrea spricht über ihre Behinderung wie über etwas, was andern auffällt - sie aber nicht gross beschäftigt. Sie ist eben, wie sie ist! Was andern Fragen aufwirft - scheint für Andrea klar zu sein: Sie weiss, wohin sie gehört, sie weiss, wohin sie will: sie gehört hier nach E. und geht hier zur Schule. Das war immer so - und anders kann sie es sich nicht vorstellen. Das ist eben ganz normal so.

Und tatsächlich scheint es hier in dieser Schule ganz normal zu sein:
Mit viel Offenheit und Respekt den Bedürfnissen Andreas gegenüber haben Lehrkräfte und Schulpflege in Zusammenarbeit mit der heilpädagogischen Fachkraft über all die Jahre hinweg versucht, Andrea ihren Bedürfnissen entsprechend ein Angebot zu schaffen, das es ihr ermöglichte, über den Kindergarten hinaus, über die Jahre an der Unterstufe und der Mittelstufe bis hin zum Übertritt in die Oberstufe am Schulalltag teilzunehmen.

Wenn es auch für Andrea ganz normal ist, von der Mittelstufe an die Oberstufe zu wechseln, stellte dieser Schulwechsel für die Fachkräfte doch eine grosse Herausforderung dar:

Die Oberstufe unterscheidet sich als gegliederte Sekundarschule in ihrer Organisation und entsprechend in ihren Anforderungen an die SchülerInnen grundsätzlich von der Mittelstufe. Dieser Übertritt stellt für alle SchülerInnen eine Zäsur in ihrer Schulzeit dar:

Vom Klassenunterricht im eigenen Klassenzimmer wechseln die SchülerInnen zu einem Schulsystem, welches sie in 2 Stammklassen einteilt (Sekundarstufe E und G) und weiter für gewisse Fächer in drei verschiedenen Niveaugruppen unterrichtet. Je zwei Lehrkräfte teilen sich zwei Klassen als Klassenlehrkräfte - daneben werden die OberstufenschülerInnen von vielen verschiedenen Fachlehrkräften unterrichtet. Andrea besucht für 29 Lektionen den Unterricht bei 9 Lehrkräften in 8 verschiedenen Zimmern....

Die Lehrkräfte der Oberstufe haben die Anfrage der Eltern, der Mittelstufenlehrkräfte und der Heilpädagogin, Andrea auch weiterhin in der Oberstufe integrativ schulen zu können, offen und positiv aufgenommen. Unterstützt von beratenden Fachkräften und der Begeisterung des Oberstufenteams, konnte auch die Schulpflege überzeugt werden, nach gründlichem Abwägen einer Weiterführung der integrativen Schulung von Andrea zuzustimmen. Die Sorge der Schulpflege, keine Garantie auf Erfolg zu haben, wich der Erkenntnis, dass es keine Garantie auf Erfolg gibt, dass nur der Schulalltag zeigen kann, wie gut und wie schwierig die Umsetzung der Integration an der Oberstufe sein wird.

Der Stundenplan

Es läutet. Andrea geht zielsicher voraus und steuert zwischen lärmenden und stossenden Jugendlichen durch auf ein Zimmer zu. Wie weiss denn Andrea, wohin sie gehen muss? Andrea zeigt mir ihren Stundenplan: er ist farbig angemalt, beinhaltet fast 30 Lektionen in der Woche, ist zerknittert, scheint oft gebraucht und viel in Händen gehalten worden zu sein! Aber er ist ihr wichtigster Begleiter gewesen in den ersten zwei, drei Wochen. Da war Andrea sehr aufgeregt, ängstlich, ob sie sich zurecht finden würde...auch ängstlich, weil sie, wie ihre Mutter sagte, genau gewusst hat, dass nun alle auf sie schauen würden, ob es denn „geht", in der Oberstufe...ein Druck, den Andrea erst nach einiger Zeit losgelassen hat.- Mit der Unterstützung der Klassenkameraden, schlussendlich sogar, ohne dass die einzelnen Türen mit der entsprechenden Farbe des Stundenplans gekennzeichnet werden mussten, hat sich ergeben, was niemand so schnell für möglich gehalten hat: Nach einigen Wochen findet sich Andrea selbständig und souverän im Schulhaus, in den wechselnden Zimmern zurecht - umsorgt und im Auge behalten von Lehrkräften und SchülerInnen!

Stammklasse Niveau E: Optik und Geschichte

Andrea ist nach langem Abwägen in die Stammklasse E der Sekundarstufe eingeteilt worden, weil die Lehrkräfte fanden, dass sie dort mehr Bezugspersonen hat. Freundinnen aus ihrer Mittelstufenklasse, Jugendliche, die über eine hohe Sozialkompetenz verfügen. Das war für die Einteilung wichtig. Das Niveau der Klasse spielt für Andrea keine Rolle. Ihre Lernziele sind seit der ersten Klasse anders, als die der andern Kinder. Für Andrea spielt es keine Rolle, ob sie nun auf dem Niveau der Sekundarschule E oder G eingeteilt wird: so oder so wird der Inhalt für sie angepasst, so oder so verfolgt sie, angelehnt an den Unterrichtsinhalt ihrer Klasse oder Gruppe, eigene Lernziele.

Die erste Lektion ist Optik. Die Klasse hat bereits eine Stunde an diesem Thema gearbeitet. Für Andrea wäre das zu früh: auch die selbständige Bewältigung des Schulwegs ist für sie schon eine grosse Herausforderung gewesen! Andrea hat nur kurz Zeit, ihre Kolleginnen zu begrüssen, sich einen Platz zu suchen und ihr Schulmaterial hervorzuholen. Alles muss sie im Schulthek mittragen: es gibt keine festen Plätze mehr - kein Pult mit den eigenen Sachen...dafür eine Menge Mäppchen, die alle fein säuberlich beschriftet sind.

Andrea wird in dieser Lektion von ihrer Heilpädagogin begleitet. Diese ist schon anwesend und bespricht kurz mit dem Klassenlehrer, wie sie Andrea in der folgenden Lektion einbeziehen könnte.

In einem Experiment werden die SchülerInnen draussen auf dem Pausenplatz ihre theoretischen Erkenntnisse praktisch umsetzen. Eine ideale Gelegenheit, Andrea handelnd mit einzubeziehen.

Dem Klassenlehrer gelingt es auf eine wunderbare Weise, Andrea aktiv einzubeziehen: was es da zu beobachten gibt, das kann Andrea auch beobachten, und sie kann es auch, vereinfacht, den andern mitteilen. „Gut, Andrea, genau das haben wir da gesehen. Und was zeigt uns das?" Die Heilpädagogin steht etwas abseits, sie weiss, dass Andrea hier alleine zurecht kommt. Sie ist aber da, für alle Fälle, und auch, weil ja nicht alle Lektionen so schön handlungsbezogen aufgebaut werden können. Da ist sie dann wieder gefragt, um Andrea den Zugang zu ermöglichen.

Die nächste Lektion findet in einem andern Zimmer statt, bei der zweiten Klassenlehrerin. Das Fach heisst Geschichte und heute werden die Griechen eingeführt. Der Hellraumprojektor zeigt an, welche Kapitel im Verlauf der nächsten Wochen behandelt werden. Die Heilpädagogin sitzt neben Andrea und „übersetzt" ihr, was die Klassenlehrerin erzählt. Andrea ist auf die Vereinfachung und das zusätzliche Bildmaterial angewiesen: sie wirkt sehr konzentriert und interessiert - aber alleine den Ausführungen der Regellehrkraft zu folgen, das wäre für sie viel zu schwierig. Auch hat die Heilpädagogin eigens für sie ein Helft zusammengestellt. Darin hat sie eine Auswahl aus dem grossen Themenangebot getroffen, und es für Andrea bearbeitet.

Rechnen und Schreiben

In den Fächern Deutsch und Mathematik, die Andrea nur teilweise mit ihrer Klasse besucht, arbeitet Andrea seit der ersten Klasse an ihren eigenen Lernzielen, unterstützt durch die Heilpädagogin oder betreut durch die Klassenlehrkräfte.

Da die Oberstufe im Rahmen des ISF "Lerngruppen" führt, die den Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit bieten, in kleinen Gruppen neben dem regulären Unterricht an Themen zu arbeiten, in denen sie zusätzliche Unterstützung brauchen, nutzen die Lehrkräfte diese Angebot auch für Andrea. Durch das Modell der gegliederten Sekundarschule musste sich Andrea (und natürlich auch alle andern SchülerInnen) an eine neue Klassen- und Gruppenzusammensetzung gewöhnen. Dass Andrea mit ihrem massgeschneiderten Stundenplan auch mal eine ISF-Stunde mit älteren SchülerInnen besucht, stört sie gar nicht. Diese sind eben jetzt auch ein Teil „ihrer Klasse". Und: sie kennt ja sowieso alle!!

Nach der Pause besucht Andrea noch eine Stunde eine Lerngruppe bei der ISF - Lehrerin. Andrea hat ein Wander-Diktat vor sich. Oft arbeitet sie hier aber auch am Computer. Dass sie am Ende dieses langen und kopflastigen morgens eine Aufgabe mit Bewegung hat, kommt ihr sicher sehr entgegen! Da muss sie sich zwar viel merken, so viele Buchstaben wie möglich, kann sich aber zwischen Arbeitsplatz und Diktatblatt hin und her bewegen... ob wohl jemand merkt, wenn sie das Aufgabenblatt heimlich hinter dem Rücken an den Platz mitnimmt?

Zusammenarbeit

Die Heilpädagogin hat in intensiver Zusammenarbeit mit den Lehrkräften für Andrea einen massgeschneiderten Stundenplan zusammengestellt: Dieser führt Andrea „quer" durch alle Niveaus, gerade dorthin, wo Themen behandelt werden, die Andrea ansprechen und für sie umsetzbar sind oder dorthin, wo ihr Platz und Zeit geboten werden kann, an ihren eigenen Themen zu arbeiten. Integration an der Oberstufe ist für die Lehrkräfte und die Heilpädagogin nicht mehr durch und durch planbar: nebst kurzen Absprachen muss es möglich sein, während dem Unterricht schnell und flexibel zusammen zu arbeiten. Eine hohe Anforderung an die Lehrkräfte!

Trotz dieser engen Zusammenarbeit liegt die Verantwortung für Andreas Förderplanung nach wie vor bei der Heilpädagogin: Diese bestimmt, was Andrea lernen muss, womit sie sich beschäftigen soll, und wo es einfach gut ist, wenn Andrea mithört, sich inspirieren lässt und sich selber das herausnimmt, was sie versteht. Dabei sein, das kann auch ein Lernziel sein. Dabei sein bedeutet für Andrea schon viel und fordert sie heraus.

Alltagspannen - Alltagsaufgaben

Am Nachmittag, nach einer langen Mittagspause, besucht Andrea nochmals die Lerngruppe. Nun arbeitet sie am Computer. Danach wäre Religion auf dem Stundenplan.

Andrea will uns in den ersten Stock führen, dort ist das Zimmer für den Religionsunterricht. Da kommtdie Religionslehrerin die Treppe hinunter und ruft zu Andrea: „wo bist du denn gewesen, wir habe dich vermisst? Hast du nicht gewusst, dass der Stundenplan umgestellt worden ist?". Nein. Andrea hat es nicht gewusst. Das wäre ja nicht so schlimm. Nächste Woche läuft dann alles besser. Aber für Andrea ist es schlimm. Sie lässt die Jacke fallen, reisst aufgeregt den Schulthek auf und zerrt den Stundenplan heraus. Das steht es: jetzt ist Religion, und danach richtet sie sich!

Es fällt Andrea schwer, zu akzeptieren, dass der Stundenplan, IHR Stundenplan, nicht mehr stimmt. Und was Andrea am meisten aufregt, ist, dass nun die Schule aus ist. Eigentlich hätte sie heute Nachmittag zwei Lektionen Unterricht gehabt, und nun ist alles anders. Bald stehen einige Lehrkräfte um Andrea, Schülerinnen bleiben stehen und alle versuchen, Andrea zu beruhigen.
Das gelingt erst langsam. Plötzlich sagt Andrea, dass sie dafür noch ein paar Runden auf dem Kickbord drehen wird. Sie hat ja jetzt Zeit. Und wenn wir schon zu Besuch gekommen sind, dann will sie uns zumindest einige Kunststücke vorführen. Zum Beispiel einbeinig fahren. Andrea kreischt vor Freude.

Sozial- und Eigenkompetenz der OberstufenschülerInnen

Einige SchülerInnen kennt Andrea seit dem Kindergarten - einige sind aber auch neu mit ihr in der Klasse. Es ist deutlich zu sehen, dass die Schüler und die Schülerinnen, die Andrea lange kennen, Andrea auffallend selbstverständlich Hilfe anbieten, ihr etwas erklären oder schauen, dass Andrea das richtige Material zur Hand hat. Die Oberstufenschüler haben zum Teil eine hohe Sozial- und Eigenkompetenz entwickelt - sie helfen Andrea ohne sich selber zu überfordern. Hier zeigt sich die Selbstverständlichkeit und das Engagement nicht nur des Lehrerteams, sondern auch der Mitschüler, Andrea mit den gegebenen Mitteln und im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten in den Schulalltag zu integrieren. Andrea ihrerseits orientiert sich an ihren Mitschülerinnen, sie schaut ab, passt sich an und bringt dennoch viel Eigenständigkeit mit. Die Beziehung von Andrea und ihren Klassenkollegen ist nie einseitig!

Fazit

Ich freue mich, dass ich heute beide Seiten von Andrea gesehen habe: die junge Frau, die Jugendliche, die mit so viel Konzentration und so grosser Selbstverständlichkeit die Oberstufe besucht - und die mit so viel Respekt und Phantasie darin begleitet wird. Und das verspielte Mädchen, ungebremst auf dem Kickbord und in ihrem Bedürfnis nach Spontanität und Bewegung: Andrea hat eine Schule gefunden, die ihr Raum und Möglichkeit anbietet, diese beiden Seiten leben zu können.

Die Chance, welche die Lehrkräfte und die Schulpflege Andrea damit einräumen, klingen selbstverständlich und fallen nicht aus dem üblichen pädagogischen Rahmen: sie respektieren Andrea in ihrer Eigenart, sie unterstützen sie in ihrer Entwicklung und versuchen, auf Andrea im Rahmen des Möglichen offen und positiv zu reagieren.

Sonja Krebs, Heilpädagogin, Leitung Abteilung Integration, HPS Zürich
Über die Integration von Andrea in der Oberstufe und davor auf Primarschulstufe gibt es einen Film von Frau Krebs.

Andrea
Diese Seite wurde letztmals geändert am 29.03.2008