Sonja Krebs
Wir danken der Zentralstelle für Heilpädagogik für die Genehmigung, den Artikel aus der Schweizerischen Zeitschrift für Heilpädagogik (SZH) Nr. 4/2001 auf unserer Webseite veröffentlichen zu dürfen.
In seinem Bericht «Integration meint das Miteinander des Verschiedenen» in der Schweizerischen Zeitschrift für Heilpädagogik Nr. 12/ 2000 von hält Riccardo Bonfranchi fest, dass sich hinter dem Begriff «Integration» zwei unterschiedliche Zielsetzungen verbergen:
Bonfranchi schliesst seinen Bericht mit dem Wunsch, die Diskussion über Integration von Geistigbehinderten in die Regelschule möge in Zukunft mehr von der sachlichen als von der emotionalen Seite her angegangen werden – ein Wunsch, dem ich mich gerne anschliessen möchte, da ich durch meine Arbeit als Heilpädagogin an der Primarschule Eglisau mit zwei geistigbehinderten Kindern immer wieder mit Eltern und Fachleuten aller pädagogischen Richtungen konfrontiert bin, die auf Grund eben dieser Vermischung der Zielsetzungen grosse Vorbehalte und zum Teil auch Ängste äussern, weil sie davon ausgehen, dass die geistigbehinderten Kinder an Regelschulen überfordert, isoliert und frustriert werden.
Erst wenn der Sachverhalt der unterschiedlichen Zielsetzungen erkannt ist, kann meiner Meinung nach über Integration fachbezogen diskutiert werden: Die Diskussion wird dann nicht mehr von der Frage dominiert, wie lange das behinderte Kind noch mitgezogen werden kann oder wann die «Schere» des Wissensunterschiedes definitiv zu gross ist, um es bei den «normalen» Schülerinnen und Schülern zu lassen. Dann kann darüber diskutiert werden, was Integration meiner Meinung nach grundsätzlich meint:
Die Idee der Integration baut nicht auf der intellektuellen Gemeinsamkeit auf, sondern ist eine sozialpolitische und ethische Vorstellung, wie eine Gesellschaft sein könnte und es im kleinen Soziotop unserer Schulhäuser zum Teil auch ist: eine Gesellschaft, die die finanziellen und strukturellen Voraussetzungen schafft, um Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen über den derzeitigen schulpolitischen Rahmen hinaus gemeinsam aufwachsen zu lassen und ihnen einen gemeinsamen Lernraum zur Verfügung zu stellen, in dem es jedem möglich ist, das zu lernen, was er braucht.
Ein so individualisierter Unterricht ermöglicht es den Kindern, ihre persönlichen Fähigkeiten wahrzunehmen und sich nicht nur am Können der andern zu definieren. Die Orientierung an den Andern verschiebt sich auf die Ebene der Motivation und des Anerkennens der unterschiedlichen Fähigkeiten. Dies ist in «normalen» Klassen mit einer «normalen» Leistungsstreubreite (neu zugezogenes Ausländerkind, verhaltensschwieriges Kind, hochbegabtes Kind ...) ebenso möglich wie in einer Klasse, in der die Bandbreite eben noch um den Aspekt des geistigbehinderten Kindes erweitert wird.
Es liegt nach meiner Erfahrung an der pädagogischen Haltung der Lehrkraft, ob der Vergleich zwischen den Kindern auf Konkurrenz oder auf Motivation basiert. Die Kinder scheinen eine natürliche Fähigkeit zu haben (und das ab der ersten Klasse!), sich darüber zu freuen, was sie können und sich für das zu interessieren, was im Bereich ihres Verstehens liegt. So schreibt ein geistigbehindertes Kind in unserer Klasse zum Thema Wald mit Eifer ein paar Buchstaben unter Baumbildern ab und zeigt diese stolz seiner Tischnachbarin, der eben ein eigener Text zu diesem Thema gelungen ist. Beide freuen sich über den Erfolg der andern.
Ich habe mich selber oft gefragt, woran es liegen mag, dass das behinderte Kind seine Buchstaben nicht unzufrieden mit der «Schnürchenschrift» des andern vergleicht und darüber frustriert ist ... ich habe aber festgestellt, dass mit wachsendem Selbstwertgefühl die innere, eigene Motivation zur treibenden Kraft wird und das Erfolgserlebnis nicht nur von konkurrenzierenden Vergleichen abhängig ist. Das behinderte Kind freut sich über sein Erfolgserlebnis.
Das Lernbild unserer einen Klasse (mit einem geistig behinderten Kind, vier fremdsprachigen Kindern, die Stützunterricht benötigen, und einigen Kindern, die Logopädie oder therapeutische Unterstützung brauchen, und natürlich dem Anteil an Kindern, die schnell und leicht lernen) erinnert mich manchmal an eine Gesamtklasse, in der nebeneinander (zum Teil am selben, zum Teil an individuellen Themen) Kinder mit unterschiedlichstem Entwicklungsstand arbeiten.
Immer wieder werde ich mit den Ängsten konfrontiert, dass eine «normale» Klasse einem behinderten Kind keine Chance gebe und es an den Rand gedrückt und unglücklich sein müsse. Einerseits wird dabei davon ausgegangen, dass ein behindertes Kind im «Schonraum» einer Sonderklasse all diesen Frustrationen und Leiden des Gruppengeschehens nicht ausgesetzt ist, und andererseits wird ein Bild gezeichnet, in dem einem behinderten Kind gar nicht erst zugetraut wird, sich in diesem «normalen» Umfeld einen Platz zu suchen. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass eine Klasse mit unserer Unterstützung soziale Kompetenzen erwerben und dem behinderten Kind einen Platz in der Gruppe zugestehen kann.
Meist wird auch nicht erwähnt, dass jede Klasse – mit oder ohne geistig behindertes Kind – die ganze Bandbreite sozialen Lebens enthält und es die Aufgabe (und der Auftrag) der Lehrkräfte ist, unermüdlich (und oft genug ermüdend) den Anforderungen des Lehrplans nachzukommen und in täglicher Kleinstarbeit Anleitungen und Anregungen zu sozialverträglichem Verhalten zu geben. Es geht um ein Lernen und Üben, sich in der Gesellschaft zu bewegen, und es ist meiner Meinung nach richtig und wichtig, wenn sich alle Beteiligten dieser Gesellschaft von Anfang an mit all ihren Mitgliedern auseinandersetzen müssen. Dazu erhalten sie unsere Fachkompetenz und Unterstützung.
Ich habe erlebt, dass sich das behinderte Kind seiner Art und Veranlagung (Charakter) entsprechend in den «Reigen» dieses Soziogrammes einfügt, Bewegung auslöst, Rollen durchlebt und leidet, wie andere Kinder ähnlicher Veranlagung auch. Weniger die Behinderung (die intellektuelle Beeinträchtigung) als das Verhalten (wobei dieses natürlich auch als Behinderung wahrgenommen werden kann, als Verhaltensauffälligkeit) ist ausschlaggebend dafür, wo sich das behinderte Kind tendenziell im Klassengefüge bewegt (mehr alleine, mehr im Mittelpunkt ...).
Ein geistigbehindertes Kind in einer Klasse hat den ganz realen Vorteil, dass Unterschiedlichsein sichtbar und fassbar wird: Genau mit und an diesem Kind lernen die andern Kinder mit grosser Selbstverständlichkeit, tolerant zu sein, Grenzen wahrzunehmen, Grenzen zu zeigen (!), Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen. Was den «normal» schwächeren Kindern einer Klasse kaum zugestanden wird, kann in Bezug auf das behinderte Kind plötzlich diskutiert werden: Wie gehen wir miteinander um, damit es allen so wohl wie möglich ist?
Es ist aber eine Tatsache, dass das geistigbehinderte Kind grundsätzlich «anders» ist, was sich natürlich in vielen Alltagsbegebenheiten zeigt (langsameres Lernen im Sozialverhalten, kleinkindliches Verhalten und Bedürfnisse, unterstützungsbedürftig in der Kommunikation und in Alltagshandlungen ...), und in keiner Integrationsdiskussion «vertuscht» werden sollte (eben: Integration ist kein Anpassen, sondern ein Nebeneinander).
Hier ist meine wichtigste Aufgabe: einen Menschen in der Auseinandersetzung mit seinem unverrückbaren Anderssein, mit seinen Grenzen, die sich zum Teil deutlich zeigen, zu unterstützen. Es ist meiner Meinung nach nicht unsere Aufgabe, Menschen unter «ihresgleichen» schonen zu wollen, nur um ihnen die «Realität» nicht antun zu müssen. Mein Ziel ist es, sie auf dem Weg, anders zu sein, behindert zu sein, zu begleiten. Darin sehe ich auch die Chance, dass geistigbehinderte Kinder in ihrem Bezug zur Realität (der auf die nichtbehinderten Menschen bezogenen Umwelt) ihr eigenes Selbstvertrauen finden.
Es ist bei uns alltägliche Arbeit, mit den eigenen Grenzen, mit dem offensichtlichen Anderssein und den damit verbundenen Frustrationen fertig zu werden. Die Tatsache, behindert zu sein, schafft keine Schule aus der Welt. Wir haben aber den hoffnungsvollen Anspruch, dass die geistigbehinderten Kinder mit ihrer Behinderung in unserer Gesellschaft glücklich werden können. Dies ist nur möglich, wenn es für die Nichtbehinderten selbstverständlich ist, dass die behinderten Menschen dazugehören. Das will erst einmal gelernt sein. Zum Beispiel in der Schule!
Autorin
Sonja Krebs, Lehrerin für Geistigbehinderte