Der Tag, an dem die jüngste unserer drei Töchter ihre erste Heilige Kommunion empfangen sollte, hat in uns einen tiefen Eindruck hinterlassen.
Es war ein Tag, der von einer Minute auf die andere an Angespanntheit verlor und an Freude und Stolz auf eine Tochter mit Down-Syndrom gewann. Schliesslich war es nicht gerade einfach, ein behindertes Kind auf einen solch grossen Tag vorzubereiten.
Die Schwierigkeiten bestanden darin, dass Tabea gar nicht richtig verstand, worum es an diesem 7. April 2002 gehen würde und warum man eingehüllt in ein weisses Gewand, mit einem Kränzchen auf dem Kopf so feierlich im Mittelpunkt stehen sollte.
Ihre Vorfreude zeigte sich aber deutlich in ihrer grossen Erwartung, nun endlich die langersehnte Hostie in Empfang nehmen zu dürfen! Wie oft ging sie in einem Gottesdienst enttäuscht an ihren Platz zurück, weil das geheimnisvolle, weisse Plättchen nicht - wie bei allen anderen - in ihre doch so schön gefalteten Händchen gelegt wurde.
Am Nachmittag vor dem grossen Tag wurde mit den anderen ErstkommunikantInnen der Ablauf der Messe fleissig geübt. Tabea fand das Ganze nicht eben spannend, weil sie viele Pauschalanweisungen gar nicht verstehen konnte. Sobald sie aber etwas zum Ablauf beitragen durfte, nahm sie aktiv am Geschehen teil. Sie wurde aufgefordert, den Kelch zum Altar zu tragen und bereits einmal zu üben, wie man später der versammelten Kirchgemeinde den Friedensgruss per Händedruck zu übermitteln hat. In gewohnter Manier trampelte Tabea nach getaner Arbeit rennend an ihren Platz in der Kirchenbank zurück. Meine Aufforderung, in der Kirche nicht zu rennen, sondern zu gehen, wurde von ihr ganz klar in den Wind geschlagen. Auch die Trockenübung mit dem Tragen und Hinstellen der Taufkerze bereitete uns auf einen Festgottesdienst mit ungeschickten Showeinlagen unserer Tochter vor. Alle anderen Kinder hielten die Kerze vorbildlich senkrecht, aber Tabea betrachtete sie von allen Seiten, um mir strahlend und halblaut zuzurufen, dass da ihr Name drauf stehe........

Voll Spannung starteten wir also in den 7. April; gefasst auf mögliche und unmögliche Missgeschicke, jedoch auch mit der Zuversicht, dass Tabeas Ehrentag für uns alle ein unvergessliches Erlebnis werden würde.
Zu Hause wehrte sich Tabea wie erwartet gegen das Anziehen des weissen Rocks. Sie mag keine Verkleidungen, es sei denn, alle anderen tragen dasselbe Gewand.
Nachdem Tabea angezogen war, benötigten wir noch einige Überredungskünste, um ihr noch das Kränzchen aufzusetzen, und fertig war die Erstkommunikantin!
Nach der Besammlung folgte der Einzug begleitet von der Musikgesellschaft, deren Klänge Tabeas Herz bereits höher schlagen liess. Leicht gehemmt, aber schmunzelnd, bemühte sich unsere Tochter, den Abstand zum Vordermann während des Marschierens einzuhalten. In der Kirche setzte sie sich brav zu den anderen; ich dicht neben ihr, um das Geschehen zu überwachen.
Anfangs war Tabea etwas aufgeregt, weil sie ihre Grossmutter nirgends fand. Leider konnte sie nicht anwesend sein. Tabea wusste jedoch, dass sie sonst immer in der Kirche ist.
Während des ganzen Gottesdienstes verhielt sich Tabea aber ausgezeichnet! Sie orientierte sich an ihren KameradInnen und vollbrachte jeden Schritt würdevoll und andächtig. Ihr herzliches Lächeln verzauberte viele Anwesende, vermochte Tabea doch mit ihrer munteren Ausstrahlung ihrer Freude Ausdruck zu verleihen wie kein anderes. Jedenfalls empfanden wir das so, und die Worte einzelner anderer Kirchenbesucher bestätigten diesen besonderen Eindruck.
Tabea trug den Kelch zum Altar, hielt ihre Kerze aufrecht, überbrachte den Friedensgruss, sang bei allen Liedern mit und schritt im exakt richtigen Tempo.
Und endlich kam der langersehnte Moment der ersten Heiligen Kommunion! Erwartungsvoll trat sie vor den Priester, empfing ihre Hostie, steckte sie in den Mund und kam mit gefalteten Händen und strahlenden Augen an ihren Platz zurück.
Dieser Tag war ein Erlebnis besonderer Art! Ein Kind, das im Alltag soviel abverlangt, das sich oft sogenannt unangepasst und widerspenstig benimmt, jedoch durch seine Spontaneität auch viele lustige und unvorhersehbare Momente in unser Leben bringt, hat uns gezeigt, wie überzeugend es sich zu integrieren vermag und zu welchen Höchstleistungen es fähig ist! Wir erlebten ein Kind, das sich völlig eingegliedert hat in eine Gemeinde, die es akzeptiert und das ganz offensichtlich etwas von Gottes Geist und Liebe ausstrahlen durfte.
St. Peterzell, April 2002
Annette Kühne