Dieses Kind hätte ich abtreiben sollen...............
Es begann alles in der 12. Schwangerschaftswoche. Der Ultraschall ergab, das die Nackenfalte 2,9 mm beträgt, und somit sehr nah am Grenzwert von 3 mm war. Was hat dies zu bedeuten? Es erhöht das Risiko einer Behinderung massiv. Vor allem der Trisomie 21. Da kam natürlich die Frage von weiteren Abklärungen auf uns zu. Ich war 29 Jahre alt, und gehörte noch nicht zu den Risikogruppen. Wir entschieden uns sofort gegen eine Fruchrwasserpunktion und auch gegen weitere Blutuntersuche. Denn, eine Abtreibung kam für uns sowieso nicht in Frage.
Unsere Frauenärztin akzeptierte dies ohne Probleme, wollte sich aber sicher sein,dass mit dem Herzen und auch den anderen Organen soweit alles in Ordnung sei. In der 18. Woche vereinbarten wir wieder einen Ultraschall. Alle Organe waren vorhanden, aber beim Herzen konnten wir nur drei Kammern sehen.
Nun ging der Marathon los! 20. Woche - UNI Spital, zur genaueren Ultraschallkontrolle. Mit viel Hoffnung begaben wir uns ins Untersuchungszimmer. Dann der Hammer!!! Ja, ihr Kind hat einen Herzfehler! Auch sind die Hirnventrikel, sowie die Nieren etwas vergrößert. Auf die Frage, was den dieser Herzfehler konkret bedeutet: „Keine Ahnung,das wissen wir auch nicht, dafür müssen sie nächste Woche ins Kinderspital. Wir könnten aber gleich in den Gebährsaal für eine Fruchtwasserpunktion, denn wir
hätten noch vier Wochen Zeit, um Abzutreiben!
Also erstens: Wir sollten übers Abtreiben reden, bevor wir wissen, was dieser Herzfehler bedeutet! Zweitens: Hatten sie im Bericht stehen, dass wir uns schon gegen eine Fruchtwasserpunktion, sowie gegen die Abtreibung entschieden hatten. Nun lag ich also da, wusste nicht was dieser Herzfehler für unser Kind bedeutet (kann es damit leben?), und musste zugleich für unser Kind kämpfen. Wir trafen auf sehr wenig Verständnis, und mussten uns viel „ Negatives'' anhören. ( Nur Negatives!) Wir gingen also nach Hause mit der Diagnose Herzfehler, und wußten einfach Nichts!!
Der frühste Termin im Kinderspital wäre nächste Woche, Mittwoch! Das heisst 6 Tage später! Zugleich musste ich noch einen neuen Frauenarzt suchen, da meine Ärztin ihren Arbeitsort gewechselt hat. Vollkommen verzweifelt rief ich dann einen Tag danach im Kinderspital an. Bei Herrn Dr. Arbenz stiess ich auf grosses Verständnis für meine Verzweiflung und Tränen. Er konnte mich soweit beruhigen, dass es sich anhand des Befundes vom UNI-Spital um einen operablen Herzfehler handle. Am kommenden
Mittwoch sollten wir dann also mehr erfahren.
Frau Dr. Fasnacht diagnostizierte, dass unser Kind mit einem kompletten AV-Kanal zur Welt kommen wird. Sie wusste auch weiter viele Antworten auf unsere anstehenden Fragen. Ja, dass Kinder mit diesem Herzfehler auch ein schönes Leben haben können. (Nicht nur Apparate und Spital.) Sie informierte uns aber auch darüber, dass die meisten Kinder mit AV-Kanal auch das Down-Syndrom haben. Nun waren wir in unserem Entscheid gestärkt! Unser Kind soll leben! Mit oder ohne Down-Syndrom. Und dies werden wir spätestens nach der Geburt erfahren.
Wir meldeten uns ( von Frau Fasnacht empfohlen, Danke!!! ) nach diesem Untersuch bei der Elternvereinigung für das herzkranke Kind an, und fingen an, uns mit dieser neuen Situation auseinanderzusetzen. Im Herzblatt fand ich eine Kontaktperson für Kinder mit Herzfehler und Trisomie 21. Da rief ich ca. 2 Wochen später erwartungslos an. Schnell war ich mit Ruth Roos ins Gespräch vertieft. Endlich war da jemand, der wirklich wusste was dies bedeutet! Sie erzählte mir von ihren Erlebnissen. Von schweren Momenten und glücklichen Stunden. Bilanz: Viele glückliche Stunden. Da kam Freude und Energie herüber!! Und auch ein wenig Neugier für eine neue Welt. Als ich den Hörer auflegte, merkte ich, wie eine grosse Last von mir fiel. Wenn jemand, der selber betroffen ist, so positiv und voller Freude ist, gibt das einem sehr viel Kraft!
Wir bekamen sehr viel Unterstützung von unseren Familien und Freunden. Wir kommunizierten von Anfang an offen über unsere Situation. Viele konnten es sofort akzeptieren, und andere brauchten etwas mehr Zeit dazu. Manchmal musste ich mir anhören, ich solle mir doch nicht so viele Gedanken über das Down-Syndrom machen; es sei ja noch gar nichts entschieden. Aber für mich war es wichtig, mich damit auseinanderzusetzen. Denn mir war klar, mit der Tatsache müsste ich ja am Schluss selber klarkommen. Aber es war ja auch nicht so, dass ich mich selber verrückt gemacht hätte. Sondern ich habe einfach versucht, mich langsam darauf vorzubereiten. Nun, die schwierigsten Momente waren aber jeweils die Untersuche im UNI-Spital. Man wies mich noch weitere vier mal darauf hin, dass ich noch bis zur 24. Woche abtreiben könne. Wie war ich da glücklich, als die 25. Woche vorbei war.
In der 35. Schwangerschaftswoche stellten die Ärzte dann fest, das sich die Hirnventrikel, sowie auch die Nieren normalisiert hätten. Juhuii!!!
Gegen Ende der Schwangerschaft genossen wir nochmals den herrlichen Sommer. Ich ging mit unserer Tochter Jasmine ( 2 Jahre ) fast jeden Tag zum Schwimmen. Körperlich ging es mir bis fast zur letzten Woche Tiptop. Ich wurde unterstützt von unserer Homöopathin, und ging auch einmal die Woche ins Schwangerschaftsyoga.
Lukas kam am 26. September 2001 zur Welt. Er hat den Herzfehler, sowie auch das Down-Syndrom! Lukas wurde am 7. Januar 2002 im UNI-Spital operiert. Er hat sich schon recht gut erholt und wenn er mich anlacht bin ich einfach glücklich. Lukas wurde von unseren Familien und Freunden ganz herzlich empfangen! Und Jasmine hört man schon von weitem Lukas rufen.
Christine Hämmerli
Januar 2002