
Der Tag beginnt wie immer früh weil unser mittlerer Sohn Till (14.3.02) fast immer um 6.30 aufsteht und für Unruhe sorgt. Mein Mann Raimond ist dann meistens schon auf dem Weg an seine Arbeit. Mein Name ist Barbara und ich bin Gestalterin, ich arbeite 30% als Keramik-Werkstattleiterin, ausserdem habe ich ein eigenes Atelier wo ich als selbstständige Grafikerin arbeite. Ach ja und dann bin ich noch Mutter von drei Kindern.
Nach Till wacht Laurin (11.10.04) auf und will den ersten Schoppen. Irgendwie muss ich dann gleichzeitig unsere älteste Tochter Zora (5.12.1999) wecken und motivieren sich anzuziehen und das Frühstück einzunehmen. Mir fehlen jeden Morgen ein paar Hände...
Mit ach und krach verlässt sie dann um 8.00 zusammen mit anderen Kindern das Haus um in den Kindergarten zu gehen.
Wir wohnen seid einem halben Jahr in einer sehr kinderreichen Siedlung, alleine in unserem Haus sind es 16 Kinder - alle im gleichen Alter.

Als Laurin an einem schönen Montagnachmittag um 17.40 zielstrebig auf die Welt düste, da hatten wir zusammen schon eine lange Geschichte hinter uns. Und als er so in meinem Arm lag, war es als kannten wir uns schon lange.
Dieser kleine Mann hatte uns in der 13 Schwangerschaftswoche in eine grosse Krise gestürzt. Mein Bluttest ergab ein erhöhtes Risiko (1:93) für eine Chromosomenstörung. Ich ahnte gleich dass wir nicht zu diesen 93 gehören werden. Ein Fruchtwassertest brachte uns dann Gewissheit. Unser Kind hat Trisomie 21. Da verschwanden plötzlich alle Träume und Vorstellungen ins unbekannte Nichts, zurück blieben Ratlosigkeit und Bilder, die nicht erfreulich waren. Bilder von der 50-jährigen Frau die im Gleichschritt hinter ihren 80-jährigen Eltern durchs Dorf spaziert. Was mir fehlte, waren visuelle positive Bilder.

Ich sagte diesem Jungen in mir, geh und verschwinde aus meinem Leben. Er blieb und drehte sich Tag und Nacht in meinem Bauch. Ich wollte ihn einfach nicht mehr spüren. Ich packte alle Babykleider und wollte sie entsorgen, doch die Sammelstelle war geschlossen. Das war der Punkt an dem mein Mann und ich zu Reden begannen. Wir schrieben alle Ängste auf und anderntags, es war ein Freitag, begannen wir zu recherchieren. Wir beschlossen dass wir bis abends alle Infos zusammentragen und uns dann entscheiden. Fast alle unsere Ängste konnten bis in die Abendstunde "abgehakt" werden, sogar den Krippenplatz hatten wir auf sicher. Nun blieb eigentlich nur noch ein Punkt: die grosse Sorge wegen dem Herz, das man natürlich in der 16 Wochen noch nicht so genau untersuche kann. An diesem Freitag um 17.30 Uhr "zeugten" wir unseren Sohn wie zum zweiten Mal, indem wir beide aus vollem Herzen ja zu ihm sagten. Genau zur selben Zeit stoppten Laurin’s Bewegungen für ganze 2 Wochen – er hatte sich eine Auszeit verdient.
Heute können wir sagen, es ist gut, dass wir es gewusst haben, denn wir können ihm immer sagen, dass wir ihn so gewollt haben wie er ist.
Wie es uns jetzt geht, erfahrt ihr hier: www.unserbaby.ch/laurin04
Zug, Mai 2005
Barbara Camenzind