Liebe Eltern
liebe Leserin, lieber Leser
Heute, im Zeitalter des allgemeinen Reisefiebers und des Massentourismus, schwärmen sehr viele Eidgenossen in fremde Länder. Mindestens einmal im Jahr werden wir auf diese Weise vorübergehend zu Fremden. Wir geniessen im Urlaub die Andersartigkeit der Umgebung, des Klimas und der Leute. Und dann freuen wir uns, wenn wir erholt und frohgemut nach Hause zurückkehren können.
Wie leben jedoch Menschen, die in der Fremde bleiben, die nicht zurückkehren können und die nicht zur Erholung in die Schweiz gekommen sind?
Das Hauptthema dieser Ausgabe ist den Migranten - einer Randgruppe in unserer Randgruppe - gewidmet, die an der Doppelbelastung "fremd und behindert" zu tragen haben. Wir stellen vier Familien mit einem Kind mit Down-Syndrom vor. Sie kommen alle aus europäischen Ländern, haben jedoch ihre eigene Geschichte und ihre Besonderheiten.
Trotz ihrer Andersartigkeit und trotz aller Unterschiede machen sie immer wieder ähnliche Erfahrungen. Wie begegnen wir ihnen als Betroffene? Sehen wir in erster Linie bei diesen "zweifach fremden" Menschen nur das "doppelte" Fremde, oder schaffen wir es, als Betroffene, Brücken zu schlagen, mit ihnen zu kommunizieren und gar von ihnen zu lernen?
Der Migrationsbeauftragte Walter Kurmann, selber Vater einer Tochter mit Down-Syndrom, setzt die zwei Begriffe "fremd und behindert" folgendermassen in Beziehung:
"Behindert, weil fremd - fremd, weil behindert - nur behindert, aber dennoch fremd - nur fremd und doch behindert. Behindert und fremd sind letztlich Synonyme in unserem Alltag. Von Karl Valentin stammt die Feststellung: "Der Fremde ist nur in der Fremde ein Fremder". Wie wäre es mit dem folgenden Versuch einer Analogie (Gleichsetzung): "Der Behinderte ist nur unter Behinderten ein Behinderter!"
Weiter plädiert Walter Kurmann: "Integration beginnt bei "integrierten" Schulämtern und Inspektoraten, die nicht mehr nach Normal und Behindert, Fremd und Einheimisch getrennt sind, und bei Lehr- und Sonderlehrkräften, die nicht nur ihren eigenen Schultypus kennen. Pädagogik gehört zu den Wörtern, die kein Beiwort neben sich dulden: Die Diversität (Verschiedenartigkeit) - behindert, normal oder hochbegabt, einheimisch oder fremd - muss in der Schule und in der Gesellschaft zur Normalität werden."*
Wollen Sie sich nicht auch dieser Forderung anschliessen?
Herzlich Ihre
Nora Junod
*Walter Kurmann "Behindert und fremd" in "Behindert und fremd, eine doppelte Herausforderung für das Schweizer Bildungswesen?", Edition SZH