Referat von Ilse Achilles, gehalten am 23. Juni 2001 im Rahmen einer Elternweiterbildung von insieme/Freizeit-Club Zürich und insieme - Vereinigung für Kinder mit Down-Syndrom (Regionalgruppe Zürich).
Veröffentlicht mit Erlaubnis der Autorin, wofür wir ihr ganz herzlich danken!
Vor noch gar nicht so langer Zeit erzählte mir meine jetzt 33jährige Tochter Anya, sie habe als Kind geglaubt, der liebe Gott hätte pro Familie ein bestimmtes Quantum an Intelligenz. Und weil sie und ihre Schwester davon wohl reichlich mitbekommen hätten, wäre für ihren Bruder nichts übrig geblieben.
Das heisst, als 7, 8, 9jähriges Mädchen hatte Anya nicht etwa ein Gefühl der Freude und des Stolzes, wenn sie mit einer Eins nach Hause kam. Sondern sie hatte ein schlechtes Gewissen. Sie glaubte, dass ihre gute Leistungen zu Lasten ihres Bruders gingen.
Anyas Erzählung und die vielen Gespräche, die ich beim Recherchieren meines ersten Buches führte - damals ging es um Behinderung und Sexualität - brachten mich darauf, dass es zwar eine ganze Reihe von Büchern gibt, die sich mit dem behinderten Kind in der Familie beschäftigen, mit der Frühförderung zum Beispiel oder der Mütter-Kind- Beziehung. Aber keines, das die Probleme der Geschwister von Behinderten deutlich darstellt.
Viel zu früh wird von ihnen Verantwortungsgefühl und Rücksichtnahme gefordert, häufig auch Mitarbeit, nicht nur im Haushalt, sondern in der Betreuung des behinderten Bruders oder der behinderten Schwester. Viel zu selten haben die Eltern wirklich Zeit für ihre nichtbehinderten Kinder, denn meist dreht sich alles um das behinderte Geschwister.
Psychologen sind sich einig: Was ein Mensch in seiner Kindheit erlebt, das prägt ihn fürs Leben. Die Eltern - und ganz besonders die Mutter - galten (und gelten noch) als die Hauptdarsteller im Alltagsdrama Kindheit. Sie waren (und sind) verantwortlich für die körperliche, psychische und soziale Entwicklung ihres Kindes. Von den Geschwistern war kaum die Rede.
Doch in den letzten Jahren hat sich die Psychologenmeinung geändert. Immer mehr kommt man darauf, wie wichtig gerade Geschwister für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen sind. Die amerikanische Autorin Francine Klagsbrun hat das sehrschön formuliert: "Geschwisterbindungen reichen in die ersten vorsprachlichen Tage der Kindheit zurück und bestehen oft bis ins hohe Alter. Sie sind die dauerhaftesten aller Bindungen. Eltern sterben, Freunde verschwinden, Ehen lösen sich auf. Aber Geschwister können sich nicht scheiden lassen. Und selbst wenn sie 20 Jahre nicht mehr miteinander sprechen, bilden Blutsverwandtschaft und gemeinsame Geschichte ein unauflösliches Band."
In der Kindheit verbringen Geschwister mehr Zeit unter sich als mit den Eltern. Weil sie derselben Generation angehören, sprechen sie freier und direkter miteinander. Sie durchschauen Tricks und die Strategien, die sich der Bruder oder die Schwester im Kampf um die Gunst der Eltern ausgedacht haben - und sie lernen daraus.
Obwohl sie sich streiten, geben sie sich oft Trost und Sicherheit und verbünden sich gegen die Eltern. Etwa 80 Prozent der Westeuropäer wachsen mit Geschwistern auf. Im sozialen Trainingscamp Familie lernen sie fürs Leben. Wie jemand später mit seinem Partner, seinen Kindern, seinen Freunden umgeht - an seinen Geschwistern hat er es geübt. (Einzelkinder lernen das auch - aber anders und mühsamer - in Kindergarten und Schule.)
Die Rivalität beginnt, sobald das zweite Kind auf die Welt kommt. Ein paar Jahre war es unumschränkter Herrscher im Kleinfamilien-Clan. Mittelpunkt des Interesses, Stolz der Eltern. Nun muss es teilen. Zeit und Aufmerksamkeit von Mama und Papa gelten nicht mehr allein ihm. Das spürt ein Kind deutlich, und das macht es wütend. Aber weil es als ältestes Kind in seiner konkurrentenlosen und intensiven Bindungsphase an die Eltern gelernt hat, was Mutter und Vater gefällt, unterdrückt es seine Wut. Aber es steht mit dem Baustein in der Hand vor dem Kinderwagen und würde den Klotz nur allzu gern dem ungebetenen Geschwisterkind an den Kopf werfen. Und manche Kinder tun das
auch.
Viele Psychologen sehen die Reaktionen von Erstgeborenen nicht mehr ganz so pessimistisch. Neue Studien bestätigen den Wissenschaftlern, was Eltern bereits wissen: Kinder sind auf ihre neue Schwester oder ihren neuen Bruder nicht nur wütend und eifersüchtig, sondern sie lieben und mögen sie auch.
Um die kindliche Eifersucht im erträglichen, ungefährlichen Rahmen zu halten, geben sich Eltern grosse Mühe, dem ältesten Kind das Baby schmackhaft zu machen. "Du musst lieb zu deiner Schwester sein. Sie ist doch noch so klein und kann noch gar nichts. Und du bist schon so gross und so tüchtig." Solche Worte trösten und bauen auf. Sie legen aber auch den Grundstein für weitere Rivalität. Denn sie festigen im Erstgeborenen die Überzeugung: Ich bin der/die älteste und damit der/die wichtigste und beste. Ich habe die meisten Rechte." Kein Wunder, dass jüngere Geschwister gegen diesen Dünkel Sturm laufen. Endlos. Bis ins Alter.
Das Verblüffende ist: Die alten Rivalitätsmuster bleiben gültig, überschreiten sogar Generationen. "Meine Eltern sind zu den Kindern meiner Schwester viel grosszügiger als zu meinen", klagt ein 55jähriger Anwalt, der seit Kindesbeinen davon überzeugt ist, seine fünf Jahre jüngere Schwester würde ihm vorgezogen.
Aber es ist nicht nur die elterliche Gunst, um die Geschwister konkurrieren. Was die Beziehung noch dramatischer macht, ist der dringende Wunsch nach Anerkennung durch den Bruder oder die Schwester. Auch hier gibt es keine Altersgrenze. "Vor zwei Jahren, an meinem 60. Geburtstag, habe ich ein Fest gegeben und mir zu dem Anlass ein neues Kleid gekauft. Alle sagten, dass ich gut aussehe. Meine älteste Schwester kam, sah mich, rümpfte die Nase und sagte: Warum kaufst du dir denn was in blau? Du weißt doch, das steht dir nicht. - Sie macht das mit Absicht. Sie weiss, dass ich mich darüber ärgere. Das ganze Fest hat mir keine Freude mehr gemacht. Das Kleid habe
ich nie wieder angezogen. Es hängt im Schrank."
Bei solchen Kränkungen und Sticheleien geht es um Macht. Geschwister kennen die gegenseitige Schwachpunkte haargenau, sie nutzen dieses Wissen und treffen immer den wunden Punkt des andere. Ältere Geschwister sind geübt darin, einen Teil elterlicher Autorität zu übernehmen und sie rücksichtslos einzusetzen. Mit Drohungen, Spott, Schikanen, Belohnungen und Entzug von Belohnungen halten sie die Konkurrenz, nämlich die jüngeren Geschwister, in Schach. Und die wehren sich - mit ähnlich unfairen Mitteln.
Mit Argusaugen wachen Geschwister darüber, wer, wann und wie von den Eltern vorgezogen wird. "Wir haben sie völlig gleich behandelt", sagt meine Freundin Elisabeth über die Erziehung ihrer Töchter. "Kristin bekam genau so viel Taschengeld, durfte abends genau so lange aufbleiben, dieselben Fernsehsendungen sehen wie Agnes, obwohl die ja zwei Jahre älter war. Hätten wir ihr mehr Rechte eingeräumt, wäre Kristin völlig ausgerastet."
Der Illusion, dass sie alle ihre Kinder völlig gleich behandeln, geben sich viele Eltern hin. Dabei stimmt es nicht, kann gar nicht stimmen. Und es ist auch klar, warum: Kein Kind wird in dieselbe Familie geboren. Als Agnes auf die Welt kam, waren Mutter und Vater da. Als Kristin geboren wurde, gab es ausser den Eltern eben schon Agnes. Das war eine ganz andere Situation. Zudem verändert sich die Einstellung der Eltern in der Zeit vom ersten zum zweiten (dritten, vierten) Kind.
Ausser der Zahl der Familienmitglieder und der Wandlung der Erziehungsideale ändert sich meist auch die soziale und finanzielle Situation der Eltern in der Zeit von der Geburt des einen Kindes bis zur Geburt des anderen. Mit dem ersten Kind leben die Eltern vielleicht noch in einer winzigen Wohnung, haben wenig Geld, weil sie vielleicht gerade die Ausbildung beendet haben. Die junge Mutter ist froh, Prüfungen oder Berufstätigkeit erst einmal an den Nagel hängen zu können, um sich ganz dem Baby zu widmen.
Beim zweiten Kind hat der Vater eventuell einen gutbezahlten Job und die Mutter liebäugelt mit einer Zusatzausbildung, damit sie, wenn das zweite Kind "aus dem Gröbsten raus ist", den (Wieder-) Einstieg in den Beruf probieren kann.
Dieselbe Mutter, derselbe Vater. Dennoch ist es jedesmal eine andere Familie, in die ein Kind hineingeboren wird. Damit liegt auf der Hand, dass Eltern ihre Kinder eben nicht gleich behandeln können.
Ausserdem wäre das schlimm. Elterliche Liebe darf man gar nicht wie Griespudding, exakt in Schälchen portioniert, verteilen. Mal braucht das eine Kind mehr Trost und Zuwendung, mal das andere mehr Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten. Und die muss es auch bekommen - je nach dem Charakter des Kindes und der Situation, in der es sich befindet.
Kinder mögen sich so wenig wie möglich unterscheiden von ihren Spielkameraden und Schulfreunden. Ihr Herz hängt an der Jeansmarke, die alle tragen. Oder an der Schultasche, die jeder super findet und hat. Dazu schwärmen sie alle für dieselbe Popgruppe und sie reden dieselbe Jugendsprache. Je ähnlicher sich Freundinnen sind, umso toller finden sie das. Was in diesem Zusammenhang erstaunlich ist: Geschwister wollen einander überhaupt nicht ähnlich sein. "Sie sieht zwar so aus wie ich, aber im Charakter ist sie ganz anders", sagt Agnes über Kristin. Und das stimmt. Das bestätigt auch ihre Mutter. "Agnes ist von Anfang an die Verständige, ausgeglichene gewesen. Kristin war schon als Kleinkind viel lauter, schrie, wenn sie etwas nicht gleich bekam, und neigt heute noch zu Temperamentsausbrüchen. Ein typischer Rebell."
Auch diese Bemerkung weist auf ein Phänomen hin. Eltern drücken ihren Kindern häufig einen Stempel auf. "Das ist die Schöne". "Das ist die Kluge". "Das ist der Geschickte". "Das ist der Sportliche". Solche Charakterisierungen mögen zutreffen, aber sie können auch einer wirklich freien Entwicklung Grenzen setzen. Da sagt eine Frau: "Ich war schon Mitte zwanzig, als ich begriffen habe, dass ich gar nicht so hässlich bin, wie ich fand. Bei uns zu Hause war immer meine Schwester die Hübsche." In jeder Familie wird eine Rolle nur einmal verteilt. Am häufigsten gibt es die/den Verantwortliche/n, das Opfer, den Clown. Dazu kommen noch die Unterteilungen in Mutters Sohn und Vaters Tochter. Besonders in Familien mit zwei Kindern teilen sich die Geschwister die Eltern regelrecht auf. So hat jeder seine Bezugs- und Vertrauensperson, zu der er bei Kummer gehen kann, von der er sich Vorteile erbetteln kann.
Krisen scheinen auf mindestens zwei verschiedene Arten auf Geschwister zu wirken. Scheidung, Krankheit und Tod eines Elternteils bringt sie entweder näher zusammen und sie meistern Hand in Hand die Folgen der Katastrophe. Oder aber alte Streitpunkte brechen wieder auf und werden noch bitterer als in der Vergangenheit zur Sprache gebracht. Als Freunde von mir überlegten, wie sie die Betreuung ihrer Mutter, die einen Schlaganfall erlitten hatte, organisieren könnte, sagte der älteste Bruder, er könne, weil er am weitesten entfernt wohne, nur finanziell helfen. "Das sieht dir ähnlich", fuhr ihn seine drei Jahre jüngere Schwester an, "immer wenn es etwas zu tun gibt, entziehst du dich. Das hast du schon früher beim Abtrocknen so gemacht. Die richtige Arbeit bleibt immer an mir hängen."
Bei Geschwistern - so scheint es - funktioniert das Langzeitgedächtnis besonders gut. Und Wunden vernarben auch nach Jahrzehnten nur oberflächlich.
Was beeinflusst nun das Verhältnis der Geschwister untereinander besonders? Auch hier seien die drei Hauptfaktoren genannt: die Geschwisterfolge, der Altersabstand und das Geschlecht.
In den 80er Jahren gab es eine ganze Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern für Hobbypsychologen nach dem Motto: Sage mir, an welcher Stelle du in der Geschwisterreihe stehst und ich sage dir, wer du bist. Oder - noch besser: Ich sage dir, wer zu dir passt. So wird die älteste Schwester von Brüdern angeblich am glücklichsten mit dem jüngsten Bruder von Schwestern. Und mittlere Kinder sollten als Erwachsene nur Partner wählen, die als erste oder letzte geboren wurden.
Ganz so schlicht sehen Psychoforscher die Sache mittlerweile nicht mehr. Bei der Beurteilung der Charaktermerkmale, die angeblich für eine bestimmte Position in der Geschwisterreihe typisch sind, müssen eben auch Faktoren wie die soziale Stellung der Eltern berücksichtigt werden, ihre finanzielle Situation und vor allem die Gesamtzahl der Kinder und den Altersabstand zwischen ihnen.
Familien sind überaus komplexe Systeme mit vielen Formen von Interaktionen, die alle Mitglieder in irgendeiner Weise prägen und beeinflussen. Deshalb bedient die allzu simple Klassifizierung eines Menschen nach seinem Status in der Geschwisterreihe lediglich Klischees. Man kann zwar versuchen, Tendenzen aufzuzeigen, wenn es darum geht, Charakterzüge der Erst- und Zweitgeborenen, der Nachzügler und Nesthäkchen darzustellen. Aber auch die sind mit Vorsicht zu geniessen.
Erstgeborene gelten als gewissenhaft, konservativ, manchmal auch als rechthaberisch. Weil sie in ihren ersten Lebensjahren mit den Eltern alleine sind, identifizieren sie sich stark mit ihnen und geben sich grosse Mühe, Mutters und Vaters Erwartungen zu erfüllen und viel zu leisten. Sie lassen sich leicht durch elterlichen Druck umstimmen. Sie geben nach und entschuldigen sich, wenn die Eltern mit ihnen schimpfen. Diese Charakterisierung soll - eingeschränkt - auch für Einzelkinder gelten. Doch sie seien noch ehrgeiziger und unflexibler, dafür weniger eifer- und geltungssüchtig, meinen verschiedene Autoren.
Die elterliche Autorität, die sie unverdünnt und unmittelbarer als ihre späteren Geschwister erleben, wirkt sich bei ihnen auf zweierlei Arten aus. Einerseits übernehmen die Erstgeborenen einen Teil dieser Autorität und wenden sie im Umgang mit anderen an, zum Beispiel bei ihren Geschwistern oder Freunden. Andererseits bleiben sie ihr Leben lang autoritätshörig. Erstgeborene sind nicht aus dem Holz, aus dem Revolutionäre gemacht werden. Sie begehren nicht offen auf. Auch nach jahrelanger Berufserfahrung ist Widerspruch nicht ihre Stärke.
Dagegen üben sie die Macht, die sie als älteste zweifellos über ihre Geschwister haben, mit sogenannten "starken Machtmitteln" aus. Durch Kommandieren, Befehlen, Schimpfen, Kritisieren, Hänseln oder Ignorieren halten sie die jüngeren Geschwister in Schach. Sie arbeiten auch mit Bestechung, Belohnung oder Entzug von Belohnung, je nachdem, und sie setzten - vor allem im Kindesalter - ihre überlegene Körperkraft ein.
Erstgeborene wirken meist sehr selbstsicher. Diese Kraft ziehen sie aus der Tatsache, dass sie - was immer auch passiert - die ältesten in der Familie bleiben. Das "Erstgeboren-sein" kann ihnen keiner wegnehmen. Selbst wenn die Ehe ihrer Eltern geschieden wird und durch Wiederheirat der Mutter zum Beispiel ein älteres Stiefgeschwister in die Familie kommt, behält das Erstgeborene seinen Status innerhalb seiner Geschwisterreihe. Mit den "angeheirateten" Brüder und Schwestern kann man noch so eng zusammenleben und sie noch so sehr ins Herz schliessen, sie "stören" die Original-Geschwisterreihe nicht.
Die meisten Erstgeborenen wünschen sich bei der Geburt eines Geschwisters insgeheim, dass der Eindringling, das angeblich so süsse Baby, mit dem sie überhaupt nichts anfangen können, weil es den ganzen Tag lang schreit oder "die Mama aufisst" (ein Dreijähriger, der seine Mutter beim Stillen seiner Schwester zusieht) wieder verschwindet. Aber weil sie von ihren Eltern immer wieder hören, dass sie lieb und nett zu dem Geschwisterchen sein müssen, unterdrücken sie Wut und Eifersucht, haben deswegen aber später häufig Schuldgefühle.
Die Machtkämpfe zwischen dem erst- und dem zweitgeborenen Kind sind immer am grössten, unabhängig davon, ob es in der Familie zwei oder mehr Kinder gibt. Das gilt umso mehr, je geringer der Altersunterschied zwischen ihnen ist. Denn so lange keine anderen Kinder da sind, können sich Konkurrenz und Wut, aber auch Schutz und Loyalität ungebremst und unvermindert auf den jeweils anderen konzentrieren.
Als Erwachsene sind Erstgeborene davon überzeugt, dass ihnen ein bestimmtes Mass an Autorität und Privilegien zusteht. Jahrelang haben sie bei den Eltern alles zuerst durchgesetzt: das erste Make-up, den Ausgang nach 22 Uhr, die Zeltreise mit dem Freund.
Von diesen familiären Pionierleistungen profitieren die Jüngeren. "Ich habe immer kämpfen müssen, um jede kleine Freiheit", sagt eine 19jährige. "Was ich nach langen Auseinandersetzungen mit 18 durfte, darf meine Schwester jetzt schon. Dabei ist sie erst 16. Und was tut sie? Sie jammert nun schon ihr Leben lang, dass ich mehr darf als sie. Aber sie kämpft um nichts. Sie lässt mich alles ausfechten und profitiert davon." Natürlich erwarten Erstgeborene dafür Dankbarkeit, möglichst lebenslänglich. Und sie wollen um Rat gefragt werden. Jüngere Geschwister werden in ihren Augen wohl nicht erwachsen - jedenfalls nicht richtig.
Zweitgeborene gelten als freundlich und diplomatische, als manipulativ und pragmatisch. Diese sozialen Eigenschaften müssen sie entwickeln, um mit ihren dominanten älteren Geschwistern zurechtzukommen. Sie erleben die elterliche Autorität nicht so unmittelbar wie die Erstgeborenen, können ausserdem im Widerstand gegen die Autorität der älteren Geschwister Erfahrungen sammeln und deshalb trauen sie sich eher zu rebellieren.
Der Wissenschaftshistoriker Frank J.Sulloway hat festgestellt, dass zu denen, die Revolutionen im wissenschaftlichen Denken ausgelöst haben, sehr viele jüngere Geschwister gehören, während unter denjenigen, die den status quo eisern verteidigten, überdurchschnittlich viele Einzelkinder und Älteste waren. So war Kopernikus der zweite Sohn von vier Kindern. Er stritt erbittert für die These, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht, wie seine Zeitgenossen glaubten, die Sonne um die Erde. Sein wichtigster Kontrahent, Tycho Brahe, war ein konservativer Denker und ein Einzelkind. Charles Darwin, ebenfalls ein jüngerer Sohn, hat die traditionelle Vorstellung über die Schöpfung mit seiner Theorie von der Evolution und der natürlichen Auslese für immer widerlegt. Viele seiner entschiedensten Gegner waren Erstgeborene.
Im Gegensatz zu dem relativ beherrschten Verhalten und subtileren Methoden der Älteren rivalisieren die Jüngeren meist direkter. Sie machen lautstark, streitlustig oder schmollend klar, was sie wollen. Sie suchen sich den Beistand ihrer Eltern, laufen weinend zu ihnen und verlangen Hilfe. Manche provozieren sogar ihre älteren Geschwister zu lautstarken Auseinandersetzungen, so dass die Eltern herbeigelaufen kommen und die Kleinen beschützen.
Jüngere Geschwister lernen schon früh, ihr Unterlegenheitsgefühl abzuwehren, indem sie zurückschlagen und die etablierte Ordnung in Frage stellen. Viele geben auf, mit ihren älteren Geschwistern zu konkurrieren und gehen eigene Wege. Doch auch als Erwachsene reagieren sie noch hoch sensibel und wütend auf die kleinsten Zeichen der Machtausübung durch die Älteren. Das erinnert sie an die Ungleichheit, die ihre frühen Lebensjahre geprägt hat. Immer war da einer, der mehr konnte, mehr durfte. Das stresst.
Ihr spezielles Problem ist, dass sie immer nach der Anerkennung der älteren Geschwister streben - und ihrer Ansicht nach viel zu selten bekommen. "Für meine verheiratete Schwester bin ich 'der Blaustrumpf'. Echt, so nennt sie mich. Das muss man sich mal vorstellen. Ich bin Doktor der Zahnmedizin, arbeite in einer Klinik, habe keinen festen Freund, gehe aber mit verschiedenen Männern aus. Auf meine Art geniesse ich mein Leben. Meine Schwester meint, ich sei überstudiert und würde jeden Mann abschrecken. Kein Wort des Lobes über meine akademische Laufbahn. Dabei hat sie zum Entsetzen meiner Eltern ihr Studium abgebrochen."
Mittlere Kinder haben eine ganz eigene Position in der Familie, weil sie gleichzeitig die Rolle des älteren und des jüngeren Kindes innehaben. Sie entwickeln Kompromissfähigkeit und Geschick, weil die Doppelrolle sie zwingt, sich einen Weg zu suchen zwischen denen, die über ihnen und denen, die unter ihnen stehen. Oft genug bleibt ihnen nichts anderes übrig, als dies Doppelrolle allein zu bewältigen, ohne die Hilfe der Eltern, die mit den Leistungen des Ältesten oder den Bedürfnissen des Jüngsten beschäftigt sind.
Obwohl die Position als die schwierigste gilt, halten viele "Sandwich-Kinder" sie für die beste. Sie finden, dass die älteren zu viel Verantwortung trügen, die jüngeren zu wenig, sie aber gerade die richtige Menge davon haben. Sie geniessen es, gleichzeitig die jüngeren und die älteren zu sein. Sie habend die Möglichkeit, den Druck der älteren Geschwister an die jüngeren weiterzugeben, die in der Hackordnung unter ihnen stehen. Da sie gleichzeitig aus eigener Erfahrung wissen, wie man sich auf der untersten Stufe der Geschwisterhierarchie fühlt, gehen sie jedoch meist sehr sensibel und freundschaftlich mit den jüngeren Geschwistern um.
Am günstigsten ist die mittlere Position in grossen wie in kleinen Familien, wenn das mittlere Kind ein anderes Geschlecht hat als das erste. Der erste Junge nach einem oder zwei Mädchen kann einen ganz besonderen Status bekommen, selbst wenn noch ein anderer Junge nachkommt. Dasselbe gilt für das erste Mädchen. In Familien, in denen es nur Jungen oder nur Mädchen gibt, haben es die mittleren am schwersten, sich einen eigenen Platz zu erobern. Manche konzentrieren sich dann auf Leistung und Konkurrenz, andere suchen sich eigene, möglichst neue Bereiche und legen ihren Schwerpunkt bis ins Erwachsenenalter auf Unterschiede und Distanz.
Man geht davon aus, dass die meisten Zweitgeborenen die Geburt eines Geschwisterkindes genauso so als 'Entthronung' empfinden wie Erstgeborenen das tun. Sie sind nun nicht mehr das Jüngste, das in vielen Familien ja besonders nachsichtig und liebevoll behandelt wird. So fühlen sich mittlere Kinder dann oft vernachlässigt. Meist brauchen sie eine Extraportion an Aufmerksamkeit über lange Zeiträume hinweg, also nicht nur in der Phase, in der sie ihren Platz als jüngstes aufgeben müssen.
Das jüngste, zuletzt geborene Kind einer Familie ist das einzige, dessen Position sich nie verändert. Dafür macht es aber auch nie - und wenn, dann nur im Erwachsenenalter - die befriedigende Erfahrung, grösser, stärker oder klüger zu sein als eins seiner Geschwister.
Die traditionelle Theorie der Geschwisterreihenfolge bezeichnet ausnahmslos die jüngsten Kinder einer Familie als "charmant" und "extrovertiert", gelegentlich auch als "verwöhnt" und "verantwortungslos" - Folgen ihrer Vergötterung durch die Eltern und der Zuwendung der älteren Geschwister.
Die jüngsten selbst sehen das anders. "Verwöhnt? Ich? Wirklich nicht! Für mich gab es nie etwas Neues. Ich habe immer das gekriegt, was von meinen Geschwistern übrig blieb, Kleidung, aber auch Spielzeug." und in Francine Klagsbruns Buch klagt eine Frau so besonders eindrucksvoll: "Meine drei älteren Schwestern waren für mich überlebensgross. Ich war ihnen immer im Weg, immer sagten sie nur, ich solle mich waschen. ihre Schlussballkleider waren wichtiger als der Frosch, den ich gefangen hatte."
"Ich hasste es, der Jüngste zu sein", schrieb ein Mann. "Ich hatte andauernd das Gefühl, ich würde mit meinen Brüdern und Schwestern verglichen und so meiner eigenen Identität beraubt. Ich vergleiche mich immer noch mit anderen Leuten und versuch herauszufinden, wer ich eigentlich bin."
Psychologen sind der Meinung, dass jüngste Kinder in folgenden Dilemma stecken: Sie wollen die älteren unbedingt übertrumpfen. Gleichzeitig aber fürchten sie sich vor den Konsequenzen. Denn die älteren zu übertrumpfen heisst auch, Schuldgefühle in Kauf zu nehmen, wie sie durch den Überholvorgang die "natürliche Ordnung" stören. (Gerade bei jüngeren Geschwistern von behinderten Kindern kann das eine grosse Quelle für lebenslange Schuldgefühle sein.)
Die jüngsten Kinder sind übrigens häufig diejenigen, die sich am Ende um die alten Eltern kümmern - entweder weil sie am längsten im Elternhaus lebten, den Absprung verpassen und nun, da es den Eltern schlecht geht, erst recht nicht ausziehen wollen und können. Oder weil die Eltern (und Geschwister) das von ihnen ganz selbstverständlich erwarten. Oft entwickelt aber gerade das jüngste Kind auch ein sogenanntes "Helfersyndrom". Das heisst, es hilft gern, wo es kann, opfert sich womöglich auf, weil es das Gebrauchtwerden für sein Selbstgefühl braucht.
1. Das Geschlecht
Die Beziehungen gleichgeschlechtlicher Geschwister sind in der Regel problematischer als die verschiedengeschlechtlichen. Soll heissen: Eine Schwester hat mit ihrer Schwester mehr Probleme als mit ihrem Bruder. Und ein Bruder findet in der Beziehung zu seinem Bruder mehr Konfliktstoff als in der zu seiner Schwester.
So ganz neu ist die Erkenntnis nicht: Wann immer es in Sagen, Märchen, Legenden und vor allem in der Bibel darum geht, eine Geschwisterbeziehung darzustellen, wird für die positive eine verschiedengeschlechtliche genommen. Hänsel und Gretel sorgen füreinander, Brüderchen und Schwesterchen - ebenfalls bei den Gebrüdern Grimm - stehen einander bei.
Geht es aber um ein konkurrierendes, böswilliges Verhältnis, wird das an gleichgeschlechtlichen Geschwistern festgemacht: Josef und seine Brüder, die sieben Raben, Goldmarie und Pechmarie in Frau Holle - und vor allem Kain und Abel.
Wachsen Schwestern und Brüder gemeinsam auf, haben sie einen grossen Vorteil für die Zukunft. Mädchen und Jungen entwickeln dann viel Sensibilität für das andere Geschlecht. Sie erleben nicht nur, welche Probleme der andere in seiner Entwicklung zu bewältigen hat, sie gehen auch mit dem Freundeskreis des Geschwisterkindes um und können so ganz unbefangen Grenzen und Möglichkeiten testen.
2. das elterliche Vorbild
Haben Mutter und Vater guten Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern, gehen sie voller Respekt und Herzlichkeit miteinander um, entwickeln auch ihre Kinder Familiensinn.
3. eine problematische Familiensituation
Je schwieriger die Gesamtlage, umso näher rücken die Geschwister zusammen. Wenn Eltern ihrer Aufgabe nicht nachkommen können oder wollen, zum Beispiel durch Tod, Scheidung oder Krankheit, trösten und stützen sich die Geschwister gegenseitig. Oft übernimmt das älteste die Beschützerfunktion und behält sie ein Leben lang. Kinder, die sich aus Not loyal verbinden, fühlen sich auch als Erwachsene stark miteinander verbunden.
4. der Altersabstand
Je geringer der Altersabstand, umso stärker ist die emotionale Bindung zwischen den Geschwistern. Bei einem Altersunterschied bis zu zwei Jahren spielen Kinder intensiv miteinander, trennen sich nur ungern. Oft entwickeln sie eine Art Geheimcode.
5. die Gruppierung
Eine Auffälligkeit gibt es bei Familien mit mehreren Kindern. Es hat sich gezeigt, dass dort die Beziehung zwischen dem ersten, dem dritten und dem fünften Kind besonders stark sind - und zwischen dem zweiten und vierten. Die Gruppierung ist unabhängig vom Geschlecht. Die Kinder nehmen sie intuitiv vor, um sich vor direkter Rivalität mit dem vor ihnen geborenen zu schützen. Auch als Erwachsener halten die Geschwister zu ihrem Gruppierungspartner deutlich mehr Kontakt als zu ihren anderen Brüdern und Schwestern.
Natürlich prägt das Aufwachsen mit einer behinderten Schwester oder einem behinderten Bruder ganz besonders. Aber in welcher Form?
Wenn Sie sich in Ihrer eigenen Familie umsehen, in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreise, werden Sie zwei Hauptentwicklungsrichtungen beobachten können. Die eine ist: Kinder leiden unter der Behinderung eines Geschwisters, fühlen sich zurückgesetzt und überfordert. Sie schämen sich. Schliessen schwer Freundschaften, glauben sich isoliert. In der Schule bringen sie schlechte Leistungen. Später im Leben wirken sie misstrauisch und verschlossen.
Die andere Entwicklungsmöglichkeit ist, dass Geschwister eines behinderten Kindes praktischer, sozial kompetenter, reifer, im ganzen eben ausgeglichen und belastbarer werden.
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es natürlich reichlich Zwischenstufen.
Wichtige Frage für uns Eltern: Woran liegt es, ob die Entwicklung der Geschwisterkinder in die eine oder in die andere Richtung läuft?
Ich nenne vier Faktoren. Die beiden bestimmendsten dabei sind:
und - erstaunlicherweise - weniger wichtig:
Dass die Mutter nach wie vor die Hauptakteurin im Familienleben ist, haben mehrere Studien ergeben. Ist die Mutter zufrieden in ihrer Rolle, hat sie das Gefühl, dass sie ihren - wenn auch schwierigen - Alltag meistert, dass sie Liebe und Anerkennung findet, geht es in der Regel auch den anderen Familienmitgliedern gut. Ist sie aber verzweifelt, unglücklich, fühlt sich überfordert, dann wirkt sich auch das auf die Familie aus.
Für diese Erkenntnis brauchen wir keine Studie, werden Sie sagen. Stimmt. Trotzdem ist so ein Studienergebnis wichtig. Weil es Mütter behinderter Kinder ermutigt, immer eigene Interessen zu pflegen, Hobbys und Freundschaften nicht aufzugeben. Ja, sich auch beruflich weiterhin zu engagieren.
Was über die Zufriedenheit der Mutter mit ihrer Rolle gesagt wird, gilt natürlich auch für den Vater. Setzt er sich auseinander mit der Behinderung seines Kindes, nimmt er aktiv an der Bewältigung der Alltagsprobleme teil und versteht es trotzdem, sich eine positive Lebenseinstellung zu bewahren - umso besser für die Familie.
Extrem wichtig ist natürlich auch die Einstellung der Eltern zueinander. Dass sie sich nicht gegenseitig heimlich Schuld zuschieben, sondern aufgeschlossen bleiben, weiter gemeinsam etwas unternehmen. Dass sie als Persönlichkeiten nun nicht völlig hinter ihrer Mutter- und Vaterrolle verschwinden.
Ich meine: Eltern eines behinderten Kindes haben geradezu die Pflicht, Lebensfreude zu tanken, wo und wann immer es möglich ist. Weil das das Familienklima aufheitert.
Machen wir uns nichts vor: So etwas kostet Geld. Damit Mutter und Vater und die Geschwister eines behinderten Kindes einmal allein etwas unternehmen können, müssen Babysitter, Pflegepersonal angeheuert werden. Geschwisterkinder aus der sogenannten Oberschicht scheinen denn auch durch die Behinderung ihres Bruders oder ihrer Schwester weniger belastet zu werden. Eben weil sie sich kaum an der Pflege und Betreuung des behinderten Kindes beteiligen müssen. Denn die Eltern können sich Hilfe von ausserhalb holen.
Ganz deutlich: wer sich das nicht leisten kann, sollte versuchen, soviel staatliche Hilfe wie möglich zu bekommen. Das hat mit Bettelei nichts zu tun, das ist Ihr gutes Recht. Das hilft Ihrem Familienklima.
Erstaunlicherweise kommt es bei dem guten oder weniger guten Verarbeiten der Behinderung eines Kindes nicht so sehr auf die Schwere der Behinderung an. Manche Eltern sind vielleicht über die Lernbehinderung ihres Kindes am Boden zerstört, während andere mit einem schwer mehrfach behinderten Kind gut zurecht kommen.
Eines ist allerdings klar: Geschwister sehr unruhiger behinderter Kinder neigen eher zu psycho-neurologischen Störungen. Eltern, deren Kind sich - vielleicht auf Grund einer Spastik - unkontrolliert und heftig bewegt, viel schreit, müssen also besonders auf einen Ausgleich für die nichtbehinderten Geschwister achten, regelrechte "Schutzzonen" schaffen für die Nichtbehinderten. Mit Schutzzonen meine ich: ein Zimmer für sich, ein Nachmittag für sich, ein Ausflug mit Mutter oder Vater allein, ohne das behinderte Kind.
Die Familiengrösse ist sicher auch ein ganz wichtiger Faktor, wenn man sich fragt, ob und wie der Lebensweg eines Menschen geprägt wird durch ein behindertes Geschwister. Da gibt es zwei Beobachtungen. In grösseren Familien könnten die Geschwisterkinder weniger belastet sein, weil sich die täglichen Aufgaben auf mehr Köpfe und Schultern verteilen. Aber: Oft ist gerade in grossen Familien das Geld knapp, der Wohnraum beengt. Und wenn dann ein Junge ewig sein Zimmer mit seinem behinderten Bruder teilen muss, dann belastet das die Beziehung der beiden sicherlich.
Aber auch in einer Familie mit zwei Kindern und grosser Wohnung oder Haus gibt es Schwierigkeiten. Denn da achten die Eltern mit Argusaugen auf beide Kinder. Auf das behinderte sowieso und auf das nichtbehinderte erst recht. Es ist der Hoffnungsträger seiner Eltern. Es soll alles das ausgleichen, alles das erfüllen, was das behinderte Geschwisterkind eben nicht kann. Supergut in der Schule, gehorsam, zur Hand, wenn man es braucht...., nett, höflich, freundlich, appetitlich......
Im Klartext: Die Belastung für Geschwister behinderter Kinder kann in einer Vielkinderfamilie genau so gross oder klein sein wie in einer Zweikinderfamilie.
1 Sie werden früh mit Leid konfrontiert
Kinder, die eine behinderte Schwester oder einen behinderten Bruder haben, erfahren früh, was es heisst, krank, gebrechlich, auf Hilfe angewiesen zu sein. Sie müssen früh Rücksicht üben, Verantwortung übernehmen und lernen, mit allerlei Einschränkungen zu leben. Dazu kommt, dass sie in einer Leistungsgesellschaft aufwachsen, deren Leitbilder Jugend, Schönheit, Gesundheit und "Power" sind.
Die Kinder spüren deutlich die Diskrepanz zwischen dem, was ihre Familien täglich praktizieren und was gesellschaftliche Norm ist. Zuhause wird das Geschwisterkind geliebt und gepflegt. "Draussen" aber herrscht ein anderer Ton. Einer, der immer noch und sogar wieder stärker von der Abgrenzung bis zur Ablehnung behinderter Menschen geprägt ist. Sie erleben gesellschaftliche Diskriminierung oft hautnah.
2 Rivalität ist ihnen verboten
Normalerweise wird in einer Geschwisterbeziehung der Kampf um die Gunst der Eltern und um die beste Position in der Geschwisterreihe ausgetragen. Dabei geht es um Durchsetzungsvermögen und Konkurrenzverhalten, um Identitätsfindung, Abgrenzung und Nähe.
Wenn das schon bei "normalen" Familien so ist, so gilt das erst recht für Familien mit einem Sorgenkind. Und es gilt in der Tat immer lebenslang. Was sich in der Kindheit eingespielt hat, überspringt sogar Generationen. Wer sich im Alter von 5 benachteiligt gefühlt hat in der Gunst seiner Eltern, ist auch mit 50 noch neidisch auf die bevorzugte Schwester. Beispiel: Ein 55jähriger Mann klagt: "Typisch, zu den Kindern meiner Schwester sind meine Eltern viel grosszügiger als zu meinen Söhnen. Aber meine Eltern haben meine Schwester ja schon immer vorgezogen." Ist die Schwester oder der Bruder behindert, können die Geschwister nicht offen gegeneinander antreten. Die Spielregeln gelten hier nicht mehr.
Vom nichtbehinderten Kind erwarten die Eltern in erster Linie Rücksichtnahme. Beispiel: Peter ist sieben und sitzt im Rollstuhl. Lisa ist vier und muss warten, bis Peter aus dem Rollstuhl gehoben und ausgezogen ist, bevor ihr jemand hilft, sich von ihren Winterstiefeln zu befreien. Würde Lisa deswegen quengeln, hiesse es wahrscheinlich: "Stell dich nicht so an, du weißt doch, dass Peter Hilfe braucht."
Geschwister behinderter Kinder lernen also schnell, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Sie passen sich an. Das macht sie - meist unbewusst - wütend. Ihre Wut dürfen sie aber nicht auf die behinderte Schwester oder den behinderten Bruder richten. Denn die/der ist ja hilflos oder in einigen Fähigkeiten so eingeschränkt, dass man sie/ihn nicht für sein Tun verantwortlich machen kann, sondern unterstützen muss. (Claus: "Sie zieht mich auch oft an den Haaren. Aber anmeckern oder hauen darf ich sie nicht, weil sie ja nichts versteht.")
Studien haben ergeben, dass Eltern auf Zornesausbrüche ihrer Kinder weniger tolerant reagieren, wenn sich die Wut gegen die behinderte Schwester oder den behinderten Bruder richtet. Sie verlangen Loyalität und Rücksichtnahme. Unter dieses moralische Gebot stellen die Kinder aber auch sich selbst. Den Bruder aus dem Rollstuhl schubsen? Das möchte man manchmal schon, wenn Wut und Zorn übergross werden. Aber man tut es nicht - eben weil "man sowas einfach nicht tut".
Unterdrückung von Aggression bedeutet aber immer auch Unterdrückung anderer Formen von Spontaneität, von Witz, Humor und Albereien. Das heisst, Kinder, die sich jede Aggressivität gegen die behinderte Schwester oder den behinderten Bruder verbieten (oder verboten bekommen), können gar nicht frei und spielerisch mit ihnen umgehen.
Alle Kinder, die ich zu einem Gespräch über ihre behinderten Geschwister eingeladen hatte, waren einhellig der Meinung, Bruder oder Schwester würden auf Grund ihrer Behinderung deutlich bevorzugt - und belegten das mit eindrucksvollen Beispielen.
Gerade in der Geschwisterbeziehung zeigen sich Hass, Wut und Neid ungeschminkt. Die Freundschaft kann einem gekündigt werden, die Geschwisterbeziehung besteht lebenslang. Weil jeder das intuitiv weiss, will er - egal, ob als Kind oder Erwachsener - im Streit mit Freunden immer noch irgendwie das Gesicht wahren. Unter Geschwistern ist das vergebene Liebesmüh. Geschwister kennen sich viel zu gut. Da weiss jeder, wo die Schwachstellen des anderen sind. Also nimmt man kein Blatt vor den Mund - und kein Streich ist zu gemein, um Schwester oder Bruder eins auszuwischen. Dessen muss man sich nicht unbedingt schämen. Es macht die Geschwisterbeziehung zu der ehrlichsten überhaupt. Das Gute: Man lernt so, sich nach üppigen Gefühlsausbrüchen wieder zu versöhnen, nachzugeben, sich zu entschuldigen und den Standpunkt des anderen zu akzeptieren. Nur eben: Mit einem behinderten Geschwisterkind sind diese Regeln ausser Kraft gesetzt.
3 Sie entwickeln Schuldgefühle
Wegen ihrer unterdrückten Aggressionen dem behinderten Kind gegenüber haben die meisten Geschwister Schuldgefühle. "Wie kann ich bloss so böse Gedanken haben? Ich muss mich schämen". Mit dieser Einstellung gehen manche Geschwister Behinderter durchs Leben und werden ihr selbst-aufgeklebtes Etikett "Ich bin eigentlich ein schlechter Mensch" nicht los. Sie hüten es wie ein Geheimnis. Niemand darf wissen, dass sie nicht immer so lieb und hilfreich sind, wie sie sich geben.
Schuldgefühle entstehen aber auch aus dem Bewusstsein der Überlegenheit. "Ich bin gesünder, kräftiger, klüger als meine Schwester". Das vergrössert nicht etwas die Lebensfreude, sondern ist Grund zur Scham. Warum hat die Behinderung die Schwester getroffen? Warum hat sie ein so schweres Schicksal? Oft wird das behinderte Kind idealisiert (Jessica: "Alle mögen meine Schwester. Sie ist so zart und klein.") In manchen Familien gilt das Sorgenkind grundsätzlich als unschuldig: "Du weißt doch, Veronika meint das nicht so. Sie versteht das ja nicht." - solche Konstellationen sind weitere Nährböden für Schuldgefühle.
Je nach Charakter, Intelligenz und sozialem Umfeld gehen die Geschwister behinderter Kinder mit ihren Schuldgefühlen um. Manche neigen zum Altruismus. Sie opfern sich auf, sind immer zur Stelle, nichts wird ihnen zuviel. Und dadurch überfordern sie sich. Sie geben sich immer mehr Mühe, um nicht nur gut, sondern besser zu sein. Ein Teufelskreis. Oder aber sie distanzieren sich, gehen, sobald sie können, bewusst eigene Wege, weil sie die Belastung, die das behinderte Geschwisterkind darstellt, nicht aushalten. Sie verdrängen ihre Schuldgefühle. Das kann das Gefühlsleben einschränken, die persönliche Entwicklung behindern. Mitunter werden Geschwister dadurch gehemmt, versagen in der Schule, reagieren depressiv oder aggressiv.
4 Sie haben weniger Zugang zu den Eltern
Die Kinder, mit denen ich sprach, schätzten die Situation ihrer Familie realistisch ein, die meisten wussten auch gut Bescheid über die Art der Behinderung, die ihr Bruder oder ihre Schwester hat. Einige spürten auch sensibel die Sorge, die das behinderte Geschwisterkind den Eltern machte. (Jessica: "Wenn es Sophie schlecht geht, sind meine Eltern sehr unglücklich".)
Ein behindertes Kind zu haben ist für die Eltern eine Dauerbelastung, auf die sie sich erst einstellen müssen und an die sie sich im Laufe der Jahre immer wieder neu anpassen müssen. Oft muss der Alltag vollständig umorganisiert werden. Die Mutter gibt ihre Berufstätigkeit auf, das Haus muss umgebaut oder eine rollstuhlgerechte Wohnung gesucht werden. Das kostet Geld. Und es erfordert ausserdem Kraft und Energie, die den Eltern dann im Umgang mit ihren nichtbehinderten Kindern fehlen. Die Hauptfürsorge konzentriert sich auf das Sorgenkind. Hat es die richtigen Therapien? Schliesslich will man nichts versäumen, nichts unversucht lassen. Braucht es solche Einlegesohlen oder andere? Ist der Kindergarten/die Schule wirklich optimal oder soll man nach einer anderen Einrichtung Ausschau halten?
Über diese und viele andere Fragen vergessen die Eltern manchmal, dass die nichtbehinderte Tochter, der nichtbehinderte Sohn auch Zuwendung, Anerkennung, Hilfe braucht. Beispiel: "Für mich hat sie keine Zeit", sagt der kleine Markus traurig, "Mama muss wieder mit Daniel üben". Und wenn er sich mal zwischen die Mama und Daniel drängt und dessen Turnübungen unterbricht, weil er dringend etwas sagen möchte, wird er vielleicht von seiner Mutter zurückgewiesen. Über seine Wut und seine Enttäuschung kann er nicht mit seiner Mutter reden, weil er erfahren hat, das sie solche Gefühle bei ihm missbilligt.
So kann es kommen, dass die nichtbehinderten Kinder in der Familie häufig weniger intensiven Kontakt zu ihren Eltern haben, als es eigentlich normal und richtig wäre. Deutlich wird das beim Thema Hausaufgaben. Die Kinder berichten, sie bekämen von ihren Eltern weniger Hilfe als ihre Mitschüler, die kein behindertes Geschwisterkind zu Hause haben.
5 Ihre Möglichkeiten, Freundschaften zu schliessen, sind eingeschränkt
Von den sieben Kindern, die am Gespräch teilnahmen, sagten vier, dass sie nicht so gern von ihren Freunden zu Hause besucht werden. Ein Mädchen gab an, es könne nur eine Freundin haben, die sich auch mit dem behinderten Bruder gut versteht. Das schränkt die Auswahl an möglichen Freunden deutlich ein. Ein weiteres Kind hatte sich sogar eine Taktik zurechtgelegt, um etwaige Besucher vorab mit der Behinderung ihres Bruders vertraut zu machen "("Ich zeige ein Bild meiner Familie").
Diese Situationen entstehen, weil manche Familien auf die Behinderung mit Abkapselung reagieren - zunächst vielleicht unbewusst. Die Eltern sind abends so erschöpft, dass sie nicht mehr aus dem Haus gehen, niemanden mehr sehen wollen. Und die Wochenenden brauchen sie für die liegengebliebenen Dinge, zu deren Erledigung sie bislang nicht gekommen sind.
Oft ist das behinderte Kind auch so schwierig oder die Reaktion der Aussenwelt so problematisch, dass man mit ihm nur ungern einen Ausflug macht - schon um die Blicke der Spaziergänger nicht aushalten zu müssen. Das schränkt die Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten der Familie erheblich ein. Die Isolation behindert die Entwicklung der nichtbehinderten Kinder, kann sie zu Einzelgängern werden lassen, auch wenn sie von ihrem Naturell her dazu gar nicht neigen.
6 Sie erleben die Geschwisterfolge anders
Ein etwa 8jähriger Junge sagte mir: "Irgendwie ist das komisch. Ich habe zwar einen grossen Bruder. Der ist schon zwölf. Aber trotzdem ist der das Baby in der Familie. Also habe ich eigentlich keinen grossen Bruder. Jedenfalls nicht richtig". Im ersten Teil meines Buches steht, wie sehr sich Geschwister auch über ihre Position in der Geschwisterreihe identifizieren. Die ist bei Schwestern und Brüdern behinderter Kinder häufig ausser Kraft gesetzt. Das jüngere Kind erlebt, wie es allmählich das ältere überholt - und fühlt sich dadurch verunsichert. Die Hierarchie stimmt nicht mehr, die Positionen im Familiensystem werden neu verteilt. Auch das macht häufig Hemmungen und Schuldgefühle.
7 Sie werden die Angst nicht los, selbst behindert zu sein oder zu werden
Das Bewusstsein, die eigene körperliche und geistige Unversehrtheit nicht als lebenslangen Garantieschein mitbekommen zu haben, prägt die Geschwister behinderter Kinder mehr als Gleichaltrige, die ohne ein behindertes Familienmitglied aufwachsen. "Meine Schwester sitzt im Rollstuhl. Das kann mir auch passieren", fürchtet mancher. "Mein Bruder hat das Down-Syndrom. Liegt die Anlage dazu auch in meinen Genen?", sorgt sich eine junge Frau. "Werde ich Kinder haben, die ebenfalls behindert sind?"
Mehr als die Eltern ahnen, nehmen Töchter und Söhne die Ähnlichkeit zwischen sich und dem behinderten Kind wahr. Gesichtszüge und Gestik von nichtbehindertem und behindertem Kind gleichen sich oft sehr. Was Kinder aus "normalen" Familien für selbstverständlich halten, kann auf Kinder mit einem behinderten Geschwister bedrohlich wirken. "Ich sehe aus wie mein Bruder. Er hat eine Gehirnhautentzündung gehabt, vielleicht bin ich auch anfällig für so eine Krankheit...."
Geschwister sind sich viel näher, als Eltern annehmen. Zwischen ihnen liegen nur wenige Jahre Altersunterschied, nicht gleich eine ganze Generation wie zu den Eltern. Schon kleine Kinder vergleichen sich und spielen in ihrer Phantasie durch: "Was wäre, wenn ich und nicht sie/er behindert wäre?"
8 Sie leben in einer "aussergewöhnlichen" Familie
In bestimmten Phasen ihres Lebens ist Kindern Konformität ungeheuer wichtig. Sie wollen ein Leben nach der Norm. Teenager ziehen nur das an, was alle anderen in der Clique tragen. Sie wünschen sich nichts dringender als die gleichen zerschlissenen Jeans wie ihre Klassenkameraden, die gleichen Rucksäcke, die als Schultaschen herhalten, das gleiche "geile" Mountainbike. Sie hassen es, aus der Reihe zu tanzen. Dieses zeitweilige kompromisslose Streben nach Konformität wird durch eine behinderte Schwester, einen behinderten Bruder zunichte gemacht. ("In Restaurants gucken die Leute immer so, weil Veronika in ihrem Rollstuhl ziemlich zappelt", sagt Claus.) Behinderung ist nicht die Norm. Sie macht auffällig. Heranwachsende, die sonst bereitwillig ihr behindertes Geschwisterkind mit zum Spielen genommen haben, versuchen nun, es abzuhängen.
So - es kann einem angst und bange werden, wenn man hört, wie viele Gefahrenquellen es bei der Entwicklung der Geschwisterkinder gibt. Deswegen nun das Positive. Da werden wir uns damit beschäftigen, was Eltern tun können, um ihren nichtbehinderten Kindern das Leben zu erleichtern. Da geht es um die Kraftquellen.
Kraftquelle 1 Die positive Einstellung der Eltern zu ihrem Leben
Wenn Mutter und Vater ihren Kindern vermitteln: Wir sind wirklich eine schwer vom Schicksal geschlagene, unglückliche Familie, so werden die Kinder auch so denken, nämlich: Das Leben ist ungerecht zu uns, wir sind arm dran, wir kommen zu kurz. Eine solche Einstellung verstellt den Blick auf die schönen Seiten, die auch das Leben mit einem behinderten Kind hat. Ein behindertes Kind ist ja nicht nur Belastung, es ist - wie zum Beispiel mein Sohn - ein Mensch mit grosser Herzlichkeit, voller Liebe, mit Freude am Leben.
Geben die Eltern ihren Kindern aber vor: Wir packen das schon, auch wenn's schwer ist, so wachsen die Kinder mit diesem mutmachenden Beispiel heran und verkraften die Belastung besser.
Ein Wort zu den Vätern: Häufig hört man, Männer würden sich wegstehlen aus der Verantwortung, berufliche Belastung vorschützen, um zu Hause nicht mit anpacken zu müssen. Dass sie es sich irgendwie leicht machen. Ich bin überzeugt davon, dass Väter unter der Behinderung ihres Kindes ebenso leiden wie die Mütter, dass sie häufig aber grössere Schwierigkeiten haben, mit ihrem Leid und ihren Sorgen fertig zu werden. Müttern fällt es in der Regel leichter, mit der Krankheit umzugehen: Sie arbeiten sie ab. Sie integrieren die Pflege für das Kind mit 1000 Handgriffen in ihren Alltag - oder stellen den Alltag darauf ein.
Vätern ist das meist nicht in dieser Form möglich - eben weil sie berufstätig sind. Oft finden sie eine andere Form, sich mit der Krankheit oder Behinderung ihres Kindes auseinanderzusetzen: Sie arbeiten mit im Elternbeirat, lassen sich in den Schulausschuss wählen.
Kraftquelle 2 Ehrliche Gespräche
Es ist für die Geschwister behinderter Kinder sehr wichtig, die Wahrheit über das Ausmass der Behinderung zu erfahren. Vielen Eltern fällt es schwer, mit ihren Töchtern oder Söhnen darüber zu sprechen. Zum Teil wissen sie selbst nicht genau, woher die Behinderung kommt, zum Teil ist ihnen das Thema peinlich. Damit meine ich, es tut ihnen wirklich weh, darüber zu sprechen. Dennoch muss es sein - um die Ängste der Kinder abzubauen - steckt die Krankheit vielleicht auch in mir? - Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, den nichtbehinderten Kindern so früh, so ehrlich, so ausführlich wie möglich zu erklären, warum ihre Schwester oder ihr Bruder behindert ist.
In der Untersuchung der amerikanischen Psychologin Frances K. Grossmann wird das Gespräch über die Behinderung oft mit der sexuellen Aufklärung verglichen. Die Teilnehmer an deren Studie sagten, die Entstehung der Behinderung hätte sie brennend interessiert, aber sie hätten ihre Eltern nicht so genau zu fragen gewagt. Und vielen Müttern und Vätern ist diese Art von Aufklärung ebenso unbequem wie Gespräche über Sexualität. Sie denken: "Wenn das Kind nicht fragt, will es auch gar nichts Genaueres wissen", und beginnen von sich aus das Gespräch nicht. Das ist falsch. Gerade mit kleineren Kindern, die ihre Ängste und ihr Unverständnis nicht verbalisieren können, muss öfter über die Behinderung gesprochen werden: "Klaus kann das nicht, weil er..."
Was Eltern häufig übersehen: Auch ihnen tut diese Erklärung der Behinderung gut. Durch ihre Offenheit den Kindern gegenüber sind sie gefordert, sich aktiver mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen.
In einigen Untersuchungen wird immer wieder festgestellt, dass Kinder sich umso mehr sorgen und ängstigen, je weniger sie über die Behinderung wissen. Frances K. Grossmann berichtet von der elfjährigen Cindy, Schwester eines behinderten Jungen, die bei ihr in psychotherapeutischer Behandlung war. Cindy glaubte, jemand habe ihrem Bruder "auf den Kopf gehauen. Ich weiss aber nicht, wer." Und sie fürchtete sich, dass ihr Ähnliches passieren könne. Solche bedrohlichen Vorstellungen belasten die Entwicklung eines Kindes nachhaltig. Aber auch bei den älteren Geschwistern wirkt sich Unkenntnis über die Behinderung einschränkend aus: Sie machen sich Sorgen, ob sie die Behinderung an eigene Kinder weiter vererben könnten.
Das Gespräch, die gründliche Aufklärung über die Behinderung, ist jedoch nicht nur wichtig, um die Ängste der Geschwister abzubauen. Es dient auch dazu, die Kinder so zu informieren, dass sie Freunden, Schulkameraden, notfalls Leuten auf der Strasse Rede und Antwort stehen können. "Als mal jemand zu meinem Bruder 'Trampel' sagte, weil er seinen Kakao verschüttete, habe ich ganz kühl gesagt: Der ist kein Trampel, der hat eine feinmotorische Störung. Und Sie können froh sein, dass Sie keine haben", erzählt eine Zwölfjährige selbstbewusst.
Kraftquelle 3 Freiräume schaffen
Es ist wichtig, sich bewusst dem nichtbehinderten Kind zuzuwenden. Es muss einfach möglich sein, sich ein paar Stunden lang mit einem gemeinsamen Hobby zu beschäftigen, eine Radtour, einen Stadtbummel zu machen - eine Zeit, in der das behinderte Kind nicht zuerst gehört und umsorgt wird. Eltern können sich abwechseln. "Jeden Mittwoch bringen wir Peter zur Oma und meine Tochter und ich gehen miteinander ins Kino oder besuchen eine Ausstellung", erzählt eine Mutter. "Mittlerweile ist uns dieser Nachmittag schon richtig heilig."
Und Sonntagmorgen kann der Vater sich vielleicht ausschliesslich um die Tochter kümmern, mit ihr alleine etwas unternehmen.
Ich plädiere nicht für eine starre Routine bei diesen gemeinsamen Unternehmungen, aber sie dürfen nicht wieder im Sande verlaufen. Wenn sie - nach Absprache - einmal ausfallen oder verschoben werden müssen - kein Beinbruch. Aber sie sollten ebenso wichtig sein wie die Sportschau. Der Satz "Ich habe jetzt keine Zeit für dich", sollten Kinder möglichst selten von ihren Eltern hören - die Geschwister behinderter Kinder erst recht.
Eltern, deren behindertes Kind sich - vielleicht auf Grund einer Spastik oder wegen Autismus unkontrolliert und heftig bewegt und schreit, müssen besonders auf einen Ausgleich für die nichtbehinderten Geschwister achten, regelrechte "Schutzzonen" schaffen für die Nichtbehinderten. Mit Schutzzonen meine ich: Ein Zimmer für sich, ein Nachmittag für sich.
Kraftquelle 4 Zu Hobbys ermutigen
Eltern sollen ihre Kinder ermutigen, Freunde einzuladen, Einladungen anzunehmen, ihre Talente und Hobbys zu pflegen.
Kraftquelle 5 Guter Kontakt zu den LehrerInnen der nichtbehinderten Kinder
Es hilft unglaublich viel, wenn im Unterricht über Behinderungen gesprochen wird. Die Klassenkameraden des nichtbehinderten Kindes sagen nicht mehr "Depp", "Doofi" oder "Spasti" zu einem Rollstuhlfahrer, wenn sie mehr über die Entstehung von Behinderung und den Umgang mit Behinderung erfahren haben. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern die Lehrerin oder den Lehrer auf das behinderte Kind in der Familie hinweisen und die Lehrkräfte das zum Unterrichtsthema machen. Dabei kann das Geschwisterkind von seinen eigenen Erfahrungen erzählen. Das fördert das Verständnis nicht nur für Behinderte allgemein, sondern eben auch für die Familie und diesem Fall besonders für das Geschwisterkind.
Was immer wieder vermittelt werden sollte, jedem von uns, ist, dass Behinderungen nichts "Abartiges" sind, sondern dass sie jeden treffen können. Jeder kann durch Krankheit oder Unfall blind oder querschnittgelähmt werden. Man muss dabei noch nicht einmal so weit gehen wie in Amerika, wo die Gesunden immer häufiger als TABs bezeichnet werden, als "Temporary Able Bodied", also als "zur Zeit mit funktionierendem Körper ausgestattete" Menschen. Morgen kann schon alles anders sein...
Kraftquelle 6 Das Kind ermutigen, eine Vertrauensperson zu finden
Viele Kinder mögen eine Freundin, eine Lehrerin, einen Verwandten vielleicht besonders gern. Sie bereden grosse und kleine Probleme mit ihnen. Eltern sollten da nicht gekränkt reagieren, sondern solche vertrauensvolle Freundschaften fördern und sich freuen, dass ihr Kind noch jemanden zusätzlich hat. Oft übrigens für unterschiedliche Bereiche. Mit Tante Margret spricht Marc am liebsten übers Malen. Bei Onkel Herbert holt er sich Rat, wenn er Streit mit seinem Vater hat.
Kraftquelle 7 Hilfe suchen und in Anspruch nehmen
Wo gibt es Familienentlastende Dienste, Ferienfreizeiten, Kurzzeitpflegeplätze? Vielleicht lassen sich auf diese Weise einmal Perioden schaffen, in denen die nicht behinderten Geschwister mit ihren Eltern - oder mit Mutter oder Vater, wenn es anders nicht geht - allein verreisen können.
Kraftquelle 8 Mitglied in einer Organisation oder in einer Selbsthilfegruppe werden
....weil es dort Informationen gibt und Veranstaltungen, die der ganzen Familie Abwechslung bringen.
Kraftquelle 9 Medien
Behinderungen sind immer häufiger Thema in Kinofilmen und im Fernsehen. "Forest Gump", "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" waren Filme, in denen Behinderte eine wichtige Rolle spielten. Als vor einigen Jahren "Rain man" mit Dustin Hoffman im Kino lief, konnten alle Eltern und Geschwister autistischer Kinder mit einer Extraportion Verständnis rechnen. Oft sind solche Filme geschönt, mit der Realität haben sie wenig gemeinsam. Und doch sind sie wichtig, weil sie Interesse und Sympathien wecken. Familien mit einem behinderten Kind sollten solche Filme ansehen, weiterempfehlen, mit ihren Freunden und Nachbarn darüber sprechen. Sie helfen, Vorurteile abzubauen und erleichtern die Kontaktaufnahme.
Religion kann für manche Familien eine grosse persönliche Kraftquelle sein. Fraces K. Grossman zitiert einen jungen Mann, dessen Bruder Marty das Down-Syndrom hat. "Mein Vater sagt uns Kindern immer, dass wir Marty wie eine Art Engel betrachten sollen. Er wird nicht lange bei uns sein. Also sollen wir uns glücklich fühlen, dass wir ihm Gutes tun können. Er ist wie ein Geschenk Gottes. Was immer wir für ihn tun, tun wir aus Liebe zu Gott."
Als gelungen gilt die Entwicklung eines Geschwisterkindes, wenn es